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„Ein bisschen, wie nach Hause zu kommen“

Meisterlegende Grafite über seine Rückkehr nach Wolfsburg, Edin Dzeko und Anti-Rassismus-Arbeit.

Rund um den Saisonabschluss der Wölfe gegen Hertha BSC, welcher die Elf von Niko Kovac letztlich den Einzug in den europäischen Wettbewerb kosten sollte, war die brasilianische Meisterlegende Grafite erstmals seit 2019 wieder zu Besuch in Wolfsburg. Der heute 44-Jährige, der inzwischen in seiner Heimat als Fußballexperte für das brasilianische Fernsehen tätig ist und sich zudem schon seit langem dem Kampf gegen Rassismus widmet, schrieb mit den Grün-Weißen am 23. Mai 2009 Geschichte, als er mit den Wölfen die erste und einzige Meisterschaft feiern konnte, außerdem sicherte er sich mit 28 Treffern in nur 25 Einsätzen auch noch die Torjägerkanone. Gemeinsam mit dem sieben Jahre jüngeren und immer noch aktiven Edin Dzeko, der gerade mit Inter Mailand im Finale der Champions League stand, bildete Grafite das beste Sturmduo der Bundesliga-Historie. Mit 54 Toren knackten sie damals die bisherige Rekordmarke von Gerd Müller und Uli Hoeneß aus der Saison 1971/1972 (53 Treffer). Vor seiner Rückkehr nach Brasilien sprach „Graffa“ in einer Presserunde nicht nur über seinen kongenialen Sturmpartner, sondern ebenso über seine besondere Beziehung zu Wolfsburg und zu Meistertrainer Felix Magath sowie seine Anti-Rassismus-Arbeit. Das Gespräch wurde aus dem Englischen transkribiert.

Grafite, du bist zum ersten Mal seit 2019 wieder in Deutschland. Welche deutschen Worte kennst du noch aus deiner aktiven Zeit bei den Wölfen? Magath-Hügel zum Beispiel?

Grafite: (lacht) Ja… und Maschine kaputt…laufen…immer laufen… 

Wie gefällt es dir, wieder in Wolfsburg zu sein?

Grafite: Sehr gut! Es ist wirklich toll, wieder hier zu sein. Ich hatte ein paar Tage, um in der Stadt herumzulaufen, in der Geschäftsstelle und im Stadion zu sein. Gestern war ich in Gifhorn bei meinem alten Haus. Derjenige, der dort jetzt wohnt, ist ein wirklich netter Kerl. Der kannte mich und auch mein damaliger Nachbar hat mich sofort wiedererkannt und rief „Grafite! Grafite!“. Es ist immer wieder eine Freude und macht mich stolz, in Wolfsburg zu sein, weil ich hier eine wunderbare Zeit hatte, die mit guten Gefühlen verbunden ist und weil ich so viele Menschen kenne. Es ist ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Oft spreche ich auch mit meiner Frau über die schöne Zeit damals in Wolfsburg. Es gibt so viele gute Erinnerungen und gute Freunde aus dieser Zeit.

Du musstest auch miterleben, wie die Wölfe im letzten Saisonspiel gegen Hertha Europa verpasst haben? Wie fandest du das Spiel?

Grafite: Über das unglückliche Spiel und das Ergebnis war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Aber das Gefühl, im Stadion zu sein, war echt großartig. Es gab zwar viel zu tun für mich, aber als ich dann dort stand und die Fans meinen Namen gerufen haben… wow, das war wirklich überragend. Auch wenn das Ergebnis nicht so gut war für die Wölfe, hat mich die Atmosphäre in bisschen an 2009 erinnert. Das war ein großartiger Moment.

Als ich dort stand und die Fans meinen Namen gerufen haben… wow, das war wirklich überragend. Auch wenn das Ergebnis nicht so gut war für die Wölfe, hat mich die Atmosphäre in bisschen an 2009 erinnert. Das war ein großartiger Moment.
Grafite über seinen Arenabesuch beim Heimspiel gegen Hertha BSC

Wie viele der zahlreichen Großchancen hättest du verwandelt? Drei, fünf oder sechs?

Grafite: (lacht) Der Fußball heutzutage ist ein anderer als noch zu meiner Zeit. Ich finde, die Mannschaft spielt generell guten Fußball, ich habe einige Spiele in dieser Saison gesehen, zum Beispiel das 3:0 gegen Mainz. Gegen Hertha hat man die Szenen aus dem Mittelfeld gut vorbereitet, allerdings waren die Abschlüsse nicht gut. Aber das ist auch eine Momentaufnahme, zumal mit Lukas Nmecha ein wichtiger Stürmer verletzt ist. Es ist normal, dass man jetzt darüber enttäuscht ist, die Europa League verpasst zu haben. Aber ich sehe viele gute Voraussetzungen in dieser Mannschaft. Der Trainer macht einen guten Job, die Mannschaft arbeitet gut. Möglicherweise kommt in den nächsten Wochen ja auch der eine oder andere neue Schlüsselspieler, der das Team noch stärker macht. Dann hat man sicher eine große Chance, eine gute nächste Saison zu spielen. 

Du lebst jetzt in Rio de Janeiro. Was vermisst du am meisten an Deutschland?

Grafite: Die Atmosphäre rund um das Spiel, die ist eine andere. Auch der Tag vor dem Spiel, die akribische Vorbereitung, das Training. Dazu vermisse ich auch das eine oder andere Essen. Und die Menschen und ihre Art, mich zu mögen. Die Art, wie ich sie mag. Alles hier in Deutschland ist eigentlich anders als in Brasilien. Ich vermisse also nicht das eine große Ding, sondern jeden Tag viele kleine Dinge. Ich habe vor fünf Jahren aufgehört, Fußball zu spielen und es fehlte mir danach nicht besonders. Aber in dem Moment, wo ich hier bin, vermisse ich es plötzlich doch sehr. Für mich waren die letzten Tage hier voller Nostalgie mit vielen Erinnerungen an den Fußball. 

Bist du in Brasilien noch häufig am Ball?

Grafite: Nun, manchmal spiele ich aus Spaß, aber nicht besonders viel. Wie gesagt, ich vermisse das nicht besonders. Nach meiner Karriere spiele ich immer mal wieder in Rio de Janeiro mit alten Weggefährten und Ex-Spielern wie Ze Roberto oder Adriano zusammen. Aber nur, wenn gerade die Knie, Gelenke oder Muskeln nicht weh tun (lacht). Lieber mag ich es, mal am Strand zu kicken. Da gibt es dann keinen Körperkontakt. Und einmal im Jahr gibt es auch ein Turnier mit den TV-Experten und Moderatoren der verschiedenen Sender. Fast jede Woche kommen zudem auch irgendwelche Leute auf mich zu und sagen: Graffa, komm in unser Amateurteam, das ist echt gut! Du brauchst nur vorne rumzustehen und den Ball reinzumachen! Aber ich sage dann: Nein, mein Freund. Wenn ich spiele, dann bin ich auch gezwungen, zu rennen. 

Edin Dzeko steht im stolzen Alter von 37 Jahren noch einmal im Champions-League-Finale. Was sagst du zu seiner außergewöhnlichen Karriere. Habt ihr noch Kontakt?

Grafite: Ja, dieser Kerl ist großartig. Wir tauschen immer mal wieder Nachrichten über Instagram aus, so haben wir uns gerade zu unseren Geburtstagen gratuliert, zudem verfolge ich regelmäßig seine Beiträge. Jeder in Brasilien verbindet meinen Namen auch mit seinem aufgrund unserer gemeinsamen Zeit hier in Wolfsburg. Als er Rom verlassen hat, konnte man nicht unbedingt damit rechnen, dass er weiterhin so gut spielt, mit jetzt 37 Jahren ist das ja alles andere als einfach. Aber er macht das bei Inter sehr gut, auch wenn man in diesem Alter nicht mehr die körperliche Verfassung hat, um 90 Minuten auf höchstem Level zu agieren. Aber er ist inzwischen sehr erfahren und zeigt immer noch seine Fähigkeit, mit wenigen Chancen zu treffen. Als ich Edin erstmals sah, war ich sehr beeindruckt von seinem linken Fuß, mit dem er einen starken Abschluss hat. Es ist nicht so einfach für einen Stürmer, als Rechtsfuß mit links auf die Art zu treffen, wie er es tut. 

Gab es nie eine Rivalität zwischen Edin und dir, wer mehr Tore erzielt?

Grafite: Nein, zumindest nicht in den ersten Jahren. Felix Magath war sehr clever, für ihn stand immer die Mannschaft im Vordergrund. Es ging nicht darum, Grafite oder Dzeko zum Tor zu verhelfen, sondern um den Teamerfolg. Da war es egal, wer traf. 2009/2010, im Jahr nach der Meisterschaft war es härter für uns. Jeder wusste, wie wir agierten. Ich habe dann auch nicht mehr wirklich gut gespielt im Gegensatz zu Edin, der 22 Tore machte und damit Top-Scorer und Torschützenkönig wurde. 

Für Felix Magath warst du ein absoluter Schlüsselspieler des Meisterteams, er betonte deine Vorbildrolle innerhalb des Teams. Beschreib doch einmal dein Verhältnis zu ihm.

Grafite: Er hat sich immer sehr um mein Wohlbefinden bemüht. Manchmal hat Magath mich in sein Büro gerufen und mich gefragt: Wie geht es dir? Wie geht es deiner Frau und deinen Kindern? Fühlst du dich wohl? Vermisst du irgendetwas? Kann ich dich irgendwie unterstützen? Er mochte mich und meine Art. Ich war immer vorbereitet fürs Training, auch wenn ich oft nicht wusste, wann wir trainieren. Magath hatte ja keinen festen Trainingsplan. Manchmal lagen die Einheiten montags am Morgen, dann wieder dienstags am Nachmittag und direkt nach dem Training gab es vielleicht die Ansage, dass das nächste Mal nachts trainiert wird (lacht). Meine Frau wusste nie, wann ich den nächsten Tag nach Hause komme – einfach, weil ich es selbst noch nicht wusste. Man hatte kein planbares Leben außerhalb des Vereins. Aber ich habe mich unter ihm wohlgefühlt. Er hat mich auf mein höchstes Leistungs-Level gebracht. Ich war damals physisch sehr stark und dazu sehr schnell. 

Gibt es eine besondere Erinnerung, eine besondere Anekdote?

Grafite: Ich erinnere mich an den Tag, als nach meiner Roten Karte im Testspiel gegen Palermo Magath in der Kabine wortlos an mir vorbei in sein Büro ging. Ich bin dann zu ihm gegangen, um mich zu entschuldigen. Er sagte zu mir: Du solltest aufpassen, Grafite. Du bist ein sehr guter Spieler und toller Kerl, aber du solltest auf dein Verhalten auf dem Platz achten. Ich mag dich und versuche dich wirklich zu unterstützen, aber ich werde dich nicht immer unterstützen können. Er hat das zwar nicht wortwörtlich so gesagt, aber ich habe die Botschaft und Warnung verstanden. Danach habe ich dann erstmal keine Rote Karte mehr kassiert. Ähnlich war es mal, als ich mal nach einem Trainingsunfall mit einer Kopfverletzung (Stirnbeinbruch Ende November 2008; Anm. d. Red.) im Krankenhaus war und der Arzt mir sagte, dass ich die nächsten zwei Monate auf keinen Fall spielen könne. Magath kam zu mir und sagte: Was machen wir jetzt? Du kannst nicht trainieren. Willst du hier bleiben oder nach Brasilien, um dich zu erholen? Ich dachte darüber nach, sagte okay und blieb dann einen Monat in Brasilien. Nach meiner Rückkehr im Januar stieg ich bereits wieder ins Training ein. Magath war gut für mich. Ich habe ihn später mal in einer Fernsehsendung gesehen, wo er sagte: Ich hatte eine Menge großer Spieler, zum Beispiel Raul, aber Grafite war besonders wichtig, weil er immer ein Lächeln auf den Lippen trug und immer vorbereitet auf das Training oder Spiel war. Ich wollte einfach immer nur spielen und habe mich nie für einen besonders wichtigen Spieler gehalten, aber wenn das ein großer Trainer und großer früherer Spieler sagt, bedeutet mir das schon viel.

Verbindest du die Reise hierher mit anderen Stationen in Europa?

Grafite: Nein, in zwei Tagen geht es zurück nach Brasilien. In der nächsten Woche ist die Heirat meiner Tochter. Vielleicht bin ich dann ja nächstes Jahr schon Opa (lacht).

Erkennen dich die Leute in Brasilien immer noch auf der Straße?

Grafite: Auch wenn ich nicht viele Spiele für die Nationalmannschaft gemacht habe, erkennen mich die Leute immer mal wieder am Flughafen oder auf der Straße, weil ich für die größten Klubs dort gespielt habe – und natürlich, weil ich ja inzwischen als Experte für das Fernsehen arbeite.

Du setzt dich auch immer wieder gegen Rassismus ein…

Grafite: Ja, das ist in Brasilien ein großes Thema und ich habe viel Arbeit mit Dingen, wie sie gerade Vinicius Junior widerfahren sind. Der Kampf gegen Rassismus ist sehr wichtig dort, das ist harte Arbeit. Ich denke, hier in Deutschland – nicht nur in Wolfsburg – ist der Kampf gegen Rassismus und Xenophobie sehr vorbildlich. Wir versuchen unser Bestes, um auch in Brasilien noch mehr Bewusstsein dafür zu schaffen. Zum Glück hatte ich selbst nie Probleme damit in Europa oder auch in Dubai. Es gab allerdings in Brasilien 2005 ein großes Vorkommnis, als ich mit Sao Paulo im Libertadores Cup von einem argentinischen Gegenspieler rassistisch beleidigt wurde. Ich bekam dann die Rote Karte, weil ich ihm daraufhin ins Gesicht gefasst hatte. Als ich in der Kabine war, hörte ich bereits, dass die Polizei vor Ort war und das Ganze im Fernsehen wohl schon ein großes Thema war. Statt ärgerlich über den Platzverweis nach Hause zu gehen, ging es zur Polizeistation für eine Aussage. Der andere Spieler blieb zwei Tage in Haft. Er hat sich nie bei mir entschuldigt.