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„Eine sehr besondere Zeit“

VfL-Fanbeauftragter Lothar Schukowski über die Gründung des ersten OFC vor genau 30 Jahren.

Historischer Schnappschuss: Lothar Schukowski (links) am Abend der Gründung im „Schlemmerland“, das heute nicht mehr existiert. Direkt neben ihm sitzt Peter Schindler.

Exakt 121 offizielle Fanclubs unterstützen aktuell den VfL Wolfsburg. Den allerersten von ihnen aus der Taufe zu heben, dabei half Lothar Schukowski nicht nur maßgeblich mit. Als Mitglied 001 der „Schlemmerbrüder“ ist er im Grunde auch die Wurzel der organisierten Fankultur rund um die Wölfe. Im Interview zum Fanclubgeburtstag erzählt Schukowski, der in diesem Jahr 70 alt wurde und seit 25 Jahren als VfL-Fanbeauftragter tätig ist, die Entstehungsgeschichte, berichtet von der legendärsten Tour und gibt Preis, welche Stadien ihm auf seiner imaginären Landkarte bislang noch fehlen.

Lothar Schukowski, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Heute vor 30 Jahren wurden die Schlemmerbrüder gegründet. Wie kam es damals dazu?

Lothar Schukowski: Vielen Dank. Wir waren eine größere Gruppe von Freunden, die immer schon am Elsterweg in Block A gestanden und sich regelmäßig im Schnellrestaurant „Schlemmerland“ auf ein Bier getroffen hat. Bei einem anderen Fanclub hatten wir uns häufig für Auswärtsfahrten angeschlossen. Als es immer öfter zu Unstimmigkeiten kam, haben wir irgendwann gesagt: Lasst uns doch selbst einen Fanclub gründen. So kam das Ganze ins Rollen.

Was genau ist am 23. November 1992 passiert? Wie funktioniert so eine Gründung?

Lothar: In unserem Fall war es so, dass der Wirt das Lokal abends zugesperrt hat zwecks geschlossener Gesellschaft. Dann hieß es: „Lothar, du bist einstimmig gewählt zum Ersten Vorsitzenden.“ Einen Stellvertreter und einen Kassenwart haben wir auch noch gekürt, um gleich professionell aufgestellt zu sein. Bei Siegmar Kohl, dem langjährigen VfL-Stadionsprecher, haben wir uns danach auf eine Liste setzen lassen. Darauf standen schon andere Fanclubs, das waren aber eher lose Verbindungen. Wir wollten unbedingt der erste offizielle Fanclub sein, das war uns wichtig. 

War die zeitliche Nähe zum Zweitligaaufstieg ein Zufall?

Lothar: Nein, das hatte viel damit zu tun. Im gesamten Umfeld war zu spüren, dass der Dämmerschlaf endete und alles professioneller wurde. Das war eine sehr besondere Zeit, in der sich viel bewegt hat. Auch im Zulauf, den wir schnell bekamen, hat sich das gezeigt. Für die ersten Auswärtsfahrten hatten wir noch den Bulli des Wirts nehmen können. Bald brauchten wir aber zusätzlich einen Reisebus, manchmal sogar zwei. Über Zeitungsanzeigen, die wir regelmäßig geschaltet haben, sind wir immer um die 50 Leute gewesen. Und die Mitgliederzahlen zogen ebenfalls an. Es dauerte nicht lang, bis der Name „Schlemmerbrüder“ eigentlich nicht mehr passte, denn es kamen schnell auch „Schlemmerschwestern“ dazu. Von den Beiträgen konnten wir bald Sommerfeste und Weihnachtsfeiern organisieren. Als das Vereinslokal zu klein wurde, zogen wir um in die „Goldene Henne“. Auch die nächsten Fanclubgründungen folgten bald.   

Zehn Männer haben den Grundstein gelegt. Was wurde aus dieser Urbesetzung?

Lothar: Einige sind weggezogen, andere auch schon verstorben. Außer mir ist nur noch Peter Schindler als aktives Mitglied dabei. Manche Kontakte sind mittlerweile abgerissen, was nach so langer Zeit aber ja normal ist.

Wie sieht das Innenleben der Schlemmerbrüder heute aus?

Lothar: Die Mitgliederzahl liegt aktuell bei 120. Zu Spitzenzeiten rund ums Pokalfinale 1995 sind es sogar 150 gewesen. Die zehn Busse, die wir zu diesem Spiel vollbekommen haben, sind übrigens ein immer noch gültiger Bestwert. Heute treffen sich die Schlemmerbrüder vor jedem Heimspiel im Fansaal an ihrem Stammtisch. Ich bin zwar inzwischen seltener dabei, weil ich ja andere Aufgaben habe, aber ich gehe sie so oft wie möglich besuchen.

Du sprichst es schon an: Den Großteil deiner Zeit als Klubmitglied hast du als VfL-Mitarbeiter verbracht. Welche Veränderungen hat dieser Seitenwechsel nach sich gezogen?

Lothar: Schon so einige, das ist ja klar. Ich wollte mir nicht nachsagen lassen, dass ich die Schlemmerbrüder bevorzugen würde, zum Beispiel bei der Kartenvergabe. Im Oktober 1997 habe ich den Vorsitz daher abgegeben. Normales Mitglied bin ich aber immer geblieben.

Als Urvater der organisierten Fankultur hat man bei den heutigen Fans sicher einen Ehrenrang.

Lothar: Das hört sich zumindest sehr schön an. Ich würde tatsächlich behaupten, dass in den allermeisten VfL-Fanclubs mein Name geläufig ist. Klar, ich bin ja auch ewig lange dabei. Viele Fans kenne ich, seit sie klein sind. Einige Fanclubs haben mir sogar eine Ehrenmitgliedschaft verliehen, was mich wirklich sehr freut.

Das Pokalfinale 1995 habe ich ja schon angesprochen. Ich glaube, wer damals dabei war, der hat diese Fahrt nicht vergessen. Weil die Autobahn gesperrt war, mussten wir über die Bundesstraße fahren. Es war wahnsinnig heiß, mehr als 30 Grad.
Lothar Schukowski

Wie verändert sich das Leben eines Fanclubmitglieds, wenn man älter wird?

Lothar: Das ist natürlich eine Typfrage und hängt auch von den Lebensumständen ab. Grundsätzlich wird man weniger aktiv, reist zu Auswärtsspielen vielleicht etwas ausgewählter. Bei Heimspielen sind die Schlemmerbrüder aber immer vor Ort, meine ich. Viele haben inzwischen Sitzplätze anstatt hinterm Tor zu stehen. Aber unterm Strich bleibt man ein eingefleischter Fan. Was ich auch sagen muss: Verglichen mit den Anfangsjahren haben es Fanclubs heute sicherlich schwerer als damals. Damals war es zum Beispiel völlig normal, dass Spieler, Trainer oder Funktionäre zu unseren Feiern gekommen sind. Das Miteinander und die regionale Verbundenheit waren größer. Auch das ist halt eine Folge der Professionalisierung und betrifft nicht nur den VfL, sondern genauso alle anderen Klubs.

An welche Momente denkt man an einem Tag wie heute zurück? Welche Tour hat für den besten Erzählstoff gesorgt?

Lothar: Das Pokalfinale 1995 habe ich ja schon angesprochen. Ich glaube, wer damals dabei war, der hat diese Fahrt nicht vergessen. Weil die Autobahn gesperrt war, mussten wir über die Bundesstraße fahren. Es war wahnsinnig heiß, mehr als 30 Grad. Wir hatten 15.000 selbst produzierte Schnapsflaschen an Bord und haben damit richtig viel Geld eingenommen. Einen Gutteil haben wir hinterher ans Tierheim, an die Krebshilfe und an andere soziale Einrichtungen gespendet. Um alle Getränke genießbar zu halten, hatten wir sogar extra einen Kühlwagen dabei, der zwischen den zehn Bussen mitgefahren ist. Auf den Rastplätzen sind dann immer alle zuerst zu diesem Wagen gestürmt (lacht). Ich erinnere mich aber auch ein eine sehr spaßige Auswärtsfahrt zum Pokalspiel bei den Bayern Amateuren oder an manche Bustour ins Ausland, zum Beispiel nach Toulouse. Ja, in diesen 30 Jahren sind die Schlemmerbrüder schon ordentlich rumgekommen.

Bleiben bei so vielen Reisekilometern trotzdem noch Wünsche offen? Gibt es Stadien, die du gern noch mal sehen würdest?

Lothar: Nach Barcelona würde ich sehr gern mal kommen. Außerdem fällt mir das Wembley-Stadion ein. Das einmal von innen zu sehen, war schon immer mein Traum.