Geschichte

Leitwolf der Urzeit

Otto Kielich zählte zu den bedeutendsten VfL-Spielern der ersten Dekade. Am Dienstag vor 100 Jahren wurde er geboren.

Der VfL Wolfsburg der Saison 1952/1953: Neben dem späteren Aufstiegstrainer Ludwig Lachner (oben rechts) steht Otto Kielich.

Die Geschichte, die Günter Klinzmann erzählt, klingt ebenso traurig wie hochinteressant. „Mein Onkel gehörte zu den berühmten ‚letzten Zehntausend‘, die erst zehn Jahre nach Kriegsende aus russischer Gefangenschaft freigekommen sind“, berichtet der 79-Jährige. „Als er zu Hause ankam, hatte seine Frau inzwischen einen neuen Partner gefunden. Und das war niemand sonst als Otto Kielich.“ Zur Zeit, als sich diese Szene zutrug, war dieser Kielich in Wolfsburg ein bekannter und hochangesehener Mann. Sein Name war fest verbunden mit der frühen Erfolgsphase der erst wenige Jahre alten VfL-Fußballabteilung. An diesem Dienstag wäre Kielich 100 Jahre alt geworden.

Starthilfe aus dem Westen

Der Aufstieg in die Oberliga Nord 1954, er muss sich für Kielich wie ein vollendetes Lebenswerk angefühlt haben. Erstens hatte der damals 32-Jährige mit den Wölfen zuvor drei erfolglose Aufstiegsrunden in Folge durchlitten. Zweitens wäre Grün-Weiß ohne Spieler seines Formats mutmaßlich nie in diesem (immer noch) beachtlichen Tempo oben angekommen. So zählte Kielich zur legendären „Schalke-Familie“, einer Gruppe hochtalentierter West-Fußballer, die von Volkswagen Mitte der 40er mit Arbeitsplätzen an den Mittellandkanal gelotst worden waren, um im Gegenzug im Wölfe-Trikot für schnelle Erfolge zu sorgen. Kielich, der 1947 etwas später als die übrigen Schalker beim VfL ankam, hatte als jahrelanger Abwehrchef wie kaum ein zweiter gehörigen Anteil am Durchmarsch durch die Spielklassen, der nur neun Jahre nach Vereinsgründung im Erstliga-Einzug gipfelte.

Stark am Ball wie in der Luft

Kielich prägte die frühen Wölfe mit beachtlicher Konstanz. Die Zahl von 500 grün-weißen Einsätzen, die der Verein zum zehnjährigen Klubjubiläum 1955 ausrief, scheint in der Rückschau etwas hochgegriffen. Trotzdem fand ab Mitte der 40er kaum ein Ligaspiel ohne ihn statt. In einer Zeit, als die VfL-Fußballer in den knapp gehaltenen Spielberichten noch Hartmann I und Hartmann II hießen, zählte der Mittelläufer, von der Presse regelmäßig als „Teufelskerl“ oder „Turm in der Schlacht“ abgefeiert, im Wolfsburger Raum zu den allerersten Stars. „Er war eine Klasse für sich. Ein richtig guter Fußballer, technisch hervorragend und ungemein kopfballstark“, erinnert sich Helmut Bräutigam (92), der jahrelang hinter Kielich das VfL-Tor hütete. „Am meisten hat mich seine Routine beeindruckt. Otto lief keinen Meter umsonst.“

Genügsam und bodenständig

Auch in der Oberliga hielt Kielich noch mit, die letzten Einsätze sind für die Spielzeit 1955/1956 notiert. Seine Familie beschreibt ihn als ausgesprochen ruhigen und bescheidenen Menschen, den zwar jeder kannte, der von sich selbst aber wenig Aufhebens machte. Anders als viele Mitspieler aus der „Schalke-Familie“ schlug er in Wolfsburg dauerhaft Wurzeln, sein Berufsleben verbrachte der Fußballer von August 1947 an als Motorenschlosser im Werk. Königsblau fühlte er sich zwar verbunden, sein zweites Wohnzimmer sollte aber immer der Elsterweg bleiben. Bis ins hohe Alter blieb Kielich beeindruckend sportlich, spielte noch lange in der Alten Herren der Grün-Weißen weiter und hielt sich zusätzlich fit mit Radfahren und Tennis. Im Februar 1998 verstarb Otto Kielich.

Vertauschte Rollen

Welches Ansehen der Mann mit der Rückennummer 5 in der Stadt genoss, das durfte Klinzmann, der Cousin seines Stiefsohns, hautnah erleben. „Ich war zwölf oder 13, als er mich kurz nach dem Oberliga-Aufstieg mit ins Stadion genommen hat. Das war schon sehr besonders, zumal ich nach dem Spiel noch mit zum Mannschaftsessen durfte.“ Otto Kielich auf dem Rasen, Günter Klinzmann auf der Tribüne – diese Szene drehte sich wenige Jahre später kurioserweise noch um. Denn von 1960 bis 1962 trug auch Klinzmann noch das VfL-Trikot. Beim berühmten Gastspiel des FC Santos, in dem er auf ungeahnte Weise eine besondere Rolle spielen sollte, traf er sogar auf Superstar Pele. „Ja, das ist wirklich eine schöne Pointe. Ich weiß noch genau, wie ich später mit Otto Kielich über dieses Spiel gesprochen habe. Deshalb bin ich auch ziemlich sicher, dass er an dem Tag selbst im Stadion war.“