MI . 19. 07. 2017
Mein Werk. Mein Verein. Eine Geschichte.

Für einen Tag ganz oben

Sichere Arbeit im Werk lockte Horst Reichelt Anfang der 50er Jahre nach Wolfsburg. Beim VfL empfahl er sich für die erste Mannschaft vergeblich. Mit einer Ausnahme.

Die Bayern, sie waren eben auch damals schon die Bayern. Zweimal lag der VfL Wolfsburg an diesem nasskalten Sonntag im Dezember 1957 in Front, nur ein Abseitspfiff hatte sogar das vorentscheidende 3:1 durch Otto Spors verhindert. Wie selbstverständlich aber siegten am Ende die Münchener, für die Peter Velhorn drei Minuten vor Schluss nach dem schon überraschenden Ausgleich noch das 3:2-Siegtor markierte. „Das war sehr unglücklich, wir hatten uns wirklich stark präsentiert“, erinnert sich Horst Reichelt, der mit den Wölfen an diesem Tag nicht nur beim ersten dokumentierten Duell überhaupt mit dem FCB mitwirkten durfte. Er markierte bei seiner Premiere im Trikot der VfL-Ersten auch direkt ein Tor.

Reichelts Einstand war auf den ersten Blick furios und auf den zweiten tragisch. Denn der 22-jährige Schütze zum 1:0-Pausenstand, von dem die Presse hinterher schwärmte, bezahlte seine Sternstunde teuer. „Ich habe mich während der Partie an den Bändern verletzt und den Fehler gemacht, mich über die Runden zu quälen. So habe ich zwar 90 Minuten gespielt, fiel hinterher aber wochenlang aus.“ Was in diesem Moment noch niemand ahnte: Sein erster Einsatz im Team des Oberligisten, seit zweieinhalb Jahren in der höchsten Spielklasse vertreten, blieb auch sein letzter. Der neue Vertrag, den man Reichelt in Aussicht gestellt hatte, kam nicht zustande. Nach auskurierter Blessur schloss er sich deshalb dem Lokalrivalen an und stürmte fortan für viele Jahre im Trikot des 1. FC.

Wölfe-Talentspäher Alfons Sowiecki, gleichzeitig Trainer der dritten VfL-Mannschaft, hatte den Stürmer einst beim VfL Knesebeck entdeckt. Von der Dritten ging es für Reichelt schnell rauf in die Zweite, wo er sich häufig an der Seite der großen VfL-Stars behauptete. Günter Leich und Alfred Heider zum Beispiel spielten regelmäßig zum Zeitvertreib mit. Der wuselige Reichelt bewies jene Treffsicherheit, die man ihm zutraut hatte und glänzte in der Spielzeit 56/57 als zuverlässiger Schütze. Als im Winter dann die Bayern kamen, die gerade erstmals im Endspiel um den DFB-Pokal standen und um diesen Test gebeten hatten, um im Saft zu bleiben, war dies seine große Gelegenheit, sich in der Ersten zu zeigen. „Ich war richtig gut drauf, die Verletzung passierte im dümmsten Moment“, so der 81-Jährige. „Aber auch wenn ich damals enttäuscht war: Es war eine tolle Zeit. Wir jungen Kerle sind stolz gewesen, für den VfL Wolfsburg zu spielen. Auch in der Zweiten.“

Immerhin hatte er einmal gegen die Bayern gespielt. „Das kann schließlich nicht jeder behaupten“, lächelt Reichelt, der als eigentliche Chance seines Lebens ohnehin etwas anderes empfand. „Bei Volkswagen reinzukommen, war wie ein Lottogewinn. Das wollte ich unbedingt versuchen und habe es geschafft.“ In der Allgemeinen Verwaltung begann der gelernte Raumausstatter 1954 als Lagerist, lernte zum Industriekaufmann um kam dann in die Büroorganisation, wie dieselbe Abteilung inzwischen hieß. Als Fachreferent für Büroeinrichtung betreute Reichelt, geboren in Niederschlesien, Werke im ganzen Land. Eine Tätigkeit, die er mit Beginn des Vorruhestands 1992 nur ungern aufgab. „Wir hatten im Kollegium eine tolle Atmosphäre. Ich war immer mit Freude und Leidenschaft dabei.“

Veröffentlicht in „Unter Wölfen“ am 16. Oktober 2016.

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