Männer

Von der Pfarrerwiese zum Allersee

Im Interview: Patrick Wimmer – von den Anfängen bis zu den Zielen.

Patrick Wimmer ist wohl der Mann der Stunde. Gegen Borussia Mönchengladbach steuerte der 24 Jahre alte Mittelfeldspieler beim 3:1-Erfolg nicht nur zwei Tore bei, sondern wurde im Nachgang vom „kicker“ sogar zum „Spieler des Spieltags“ gewählt. Der Österreicher sitzt mit Blick auf den Allersee und erzählt von seinen Anfängen im Fußball. Er erklärt, was Heimat für ihn bedeutet, wie er seine aktuelle Formstärke sieht und was Vanillekipferl damit zu tun haben.

Patrick Wimmer, wie haben die Vanillekipferl geschmeckt?

Patrick Wimmer: Die waren ausgezeichnet. Meine Frau backt und kocht öfter für mich, und deswegen habe ich mich sehr gefreut, weil es immer sehr lecker ist. Vor zwei Wochen haben wir übers Backen gesprochen. Vor dem Spiel gegen Union Berlin habe ich dann das erste Mal Kekse, also die Vanillekipferl, von ihr bekommen. Und da es erst gegen Union und nun gegen Mönchengladbach so gut funktioniert hat, war das natürlich top. Im Nachhinein war es ein kleiner Spaß, dass die Vanillekipferl vielleicht der entscheidende Faktor waren.

Deine Frau scheint ein grundsätzlich ein gutes Gespür zu haben. Sie hatte dein erstes Länderspieltor für Österreich gegen Serbien damals auch vorhergesagt.

Patrick: Ja, genau. In der Woche zuvor hatten wir geheiratet. Das war dann das erste Spiel, bei dem sie im Stadion war. Dass sie es so herbeigesagt hat und vielleicht auch eine Art Glücksbringer für mich war, war damals schon ganz schön.

Ohnehin lief es für dich mit der Nationalmannschaft dieses Jahr sehr gut.

Patrick: Mit der Nationalmannschaft unterwegs zu sein, ist immer etwas Geiles. Es war gut, dass wir dann noch so eine gute Auslosung hatten für die WM-Qualifikation. So sind wir die stärksten Gegner umgegangen und waren ein Stück weit der Favorit der Gruppe. Dass wir das dann so souverän meistern, hätte vielleicht nicht jeder erwartet. Im Großen und Ganzen haben wir im Nationalteam die letzten zwei, drei Jahre einen Riesenschritt gemacht und sind auch ein bisschen gefürchtet. Es macht einfach Spaß, für das Nationalteam zu spielen.

Wann kam bei dir der Gedanke auf: „Das können wir wirklich packen“?

Patrick: Bei der Gruppe haben wir schon gewusst, dass wir eine große Chance haben, uns zu qualifizieren. Das war bei den letzten Qualifikationsrunden nicht so gewesen, damals ist man „nur“ Dritter oder Vierter geworden und war weniger erfolgreich. Der Glaube daran war aber immer da. Wir haben uns mit unserem Teamchef Ralf Rangnick enorm entwickelt. Jetzt haben wir viele Spieler im besten Fußballalter. Das macht die Truppe aus: Es macht einfach Spaß, und jeder freut sich, zum Nationalteam zu kommen. 

Für euch ist es die erste WM-Teilnahme seit 28 Jahren. Wie lange hast du davon geträumt?

Patrick: Das ist schwer zu sagen, weil ursprünglich nicht das Ziel da war, überhaupt Fußballprofi zu werden. Natürlich habe ich als Kind Europameisterschaften und Weltmeisterschaften verfolgt, aber es gab nie das Ziel, unbedingt Profifußballer zu werden. Aber seitdem ich Profi bin, war ich auch immer bei den Nationalmannschaften dabei – erst bei der U19, dann bei der U21 und nun auch beim A-Team. Wenn man dann das erste Mal dabei ist, dann entsteht auch der Traum, eine Weltmeisterschaft zu spielen. Und wenn man sich dann mit einem kleineren Land wie Österreich qualifiziert, ist das umso schöner.

Du sagst, es war nicht unbedingt dein Ziel, Profifußballer zu werden. Wie ist es trotzdem dazu gekommen?

Patrick: Das ist ziemlich zufällig entstanden. Jeder träumt davon, von Akademien aufgenommen zu werden – das war bei mir auch so. Ich habe damals versucht, bei St. Pölten in die Akademie reinzukommen. Das hat aus diversen Gründen nicht geklappt. Mich hat damals eine Fußball-Schulverbindung, das AFW (Ausbildungszentrum Fußball Wirtschaft, Anm. d. Red.), angerufen. Dort habe ich die Schule abgeschlossen und mich zum Fußballspieler entwickelt. Daraufhin bin ich in die vierte Liga gekommen. Der Vizepräsident von Austria Wien hatte seinen Firmensitz in Gaflenz – dort, wo ich gespielt habe. Und so bin ich zu Austria gekommen und Profifußballer geworden.

Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich entspannen kann. Da denke ich zuerst an das Haus mit meiner Frau in Salzburg, dort kann ich komplett loslassen und mich zuhause fühlen.
Patrick Wimmer

Dein Weg als Profi hat dich an viele Orte geführt. Was bedeutet Heimat für dich?

Patrick: Als Fußballer ist das schwer zu beschreiben, weil man sehr oft umzieht. Man lernt viele Städte kennen und ist in vielen Ländern unterwegs. Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich entspannen kann. Da denke ich zuerst an das Haus mit meiner Frau in Salzburg, dort kann ich komplett loslassen und mich zuhause fühlen.

Werdet ihr dort auch die Feiertage zusammen verbringen?

Patrick: Wir sind über die gesamte Weihnachtszeit in Salzburg. Viele fliegen ins Warme, aber davon bin ich überhaupt kein Fan. Ich bin froh, wenn es Weihnachten vielleicht Schnee gibt. Ich denke, ich werde meine Winterferien immer in Salzburg oder in Österreich verbringen, weil ich dort einfach sehr gerne bin.

Wir waren dort fast jeden Tag bis mitten in die Nacht. Teilweise war es stockdunkel und wir haben die Bälle schon gar nicht mehr gesehen.
Patrick Wimmer

Du selbst kommst aus einem sehr kleinen Dorf.

Patrick: Der Ort, aus dem ich eigentlich stamme, besteht aus nur 16 Häusern – da kennt jeder jeden. Die Ortschaft nebenan, wo ich auch aufgewachsen bin, ist etwas größer. Da leben auch die meisten Freunde von mir. Auch wenn da nicht viele Leute gewohnt haben, war das ein Ort für mich, an dem ich zuhause war.

Hattest du in der Gegend einen Lieblingsort?

Patrick: Ich war sehr viel mit meinen Freunden unterwegs. Wir hatten einen Ort, der nennt sich die „Pfarrerwiese“. Dort wohnt unser Pfarrer von der Gemeinde, der einen kleinen Fußballplatz mit Toren hat. Das war ein Rückzugsort für uns. Wir waren dort fast jeden Tag bis mitten in die Nacht. Teilweise war es stockdunkel, und wir haben die Bälle schon gar nicht mehr gesehen. Dort haben wir die meiste Zeit unserer Freizeit verbracht. Jeder hat sich dort wohlgefühlt, und es sind wirklich gute Freundschaften entstanden. Als kleines Kind siehst du die Größeren und denkst: „Da will ich auch mal spielen“. Es war schon toll, die Erwachsenen Fußball spielen zu sehen. Und es ist auch immer noch schön, dort zu sein.

War das rückblickend auch entscheidend für deinen Weg als Fußballer?

Patrick: Das würde ich schon sagen. Ich habe früher oft bei drei Mannschaften gleichzeitig gespielt, und das hat mich sicher auf das aktuelle Level gebracht und zu dem Typen gemacht, der ich jetzt bin. Ich bin immer wieder froh, dass ich den Weg so gewählt habe. 

Du bist auf einem Bauernhof großgeworden. Wie kann man sich den so vorstellen?

Patrick: Wir haben einen Vierkanthof und ein paar Hektar Fläche – von Wald bis Weingarten, von Äckern über Wiesen und alles Mögliche. Da gibt es einiges zu tun. Da bin ich von klein auf reingewachsen, habe vieles übernommen und bin gerne Traktor gefahren. Weil ich es immer noch liebe, dort zu sein und zu arbeiten, ist es mein Plan, auch nach meiner Karriere einen kleinen Bauernhof zu haben und dort etwas zu tun. Das ist schon ein kleiner Traum. Am Anfang hatten wir noch Kühe, die später verkauft worden sind. Jetzt sind es mehr Kleintiere wie Hühner, Tauben und Gänse. Und natürlich Hunde! Die sind ganz wichtig bei mir. Schon von klein auf habe ich mehrere Hunde gehabt. Und auch meine Frau hat vor zehn Jahren ihren ersten Hund bekommen. Wir sind also beide mit Hunden aufgewachsen.

Wie lebt ihr nun?

Patrick: Die französische Bulldogge, die mit uns in Wolfsburg lebt, wird bald fünf Jahre alt. Hier am Allersee sind wir tatsächlich öfter, besonders wenn es warm ist, da es seit Kurzem einen Hundestrand gibt. Mein Hund liebt das Wasser, aber er liebt vor allem auch den Sand, da spielt er immer ein bisschen verrückt (lacht)! Die anderen Hunde sind alle zuhause bei meiner Familie und bei meiner Frau. Zu Hunden habe ich eine besondere Beziehung. Sie geben mir viel zurück.

Vergangenen Winter hast du dich für Streunerhunde stark gemacht…

Patrick: Genau. In dem Dorf, aus dem meine Frau kommt, hat es ein Tierheim gegeben. Wir haben früher schon viel geholfen und gespendet. Seit letztem Jahr haben wir eine Verbindung zum „Streunerparadies“. Das ist eine Agentur in Österreich, die viele Streuner aus anderen Ländern rausholt und aufnimmt, weil es ihnen dort nicht gut geht. Wir stehen im engen Kontakt und helfen, so gut es geht. Egal, ob Mensch oder Tier: Jeder hat ein gerechtes Leben verdient. Und darum stehen wir dahinter und wollen helfen.

Aber im Endeffekt ist es egal, wer für die Vorlagen sorgt. Hauptsache, wir gewinnen die Spiele.
Patrick Wimmer

Kommen wir zum Abschluss zum Sportlichen: Am Samstag habt ihr euer letztes Heimspiel dieses Jahr und empfangt den SC Freiburg. Was habt ihr euch vorgenommen?

Patrick: Wir wollen den Fans in diesem Jahr noch einmal etwas liefern. Natürlich wäre es am schönsten, wenn wir wie vor drei Jahren spektakulär mit 6:0 gewinnen. Aber das wird nicht leicht: Freiburg ist ein guter Gegner, und das Wichtigste ist, dass wir das Spiel gewinnen. Wie es dann zustande kommt, ist egal. Unsere Fans haben dieses Jahr etwas länger auf einen Sieg gewartet – da wollen wir nachlegen und noch einen Dreier in diesem Jahr feiern.

Es war ein sehr turbulentes Jahr für euch. Gab es für dich einen Knackpunkt, der etwas verändert hat? 

Patrick: Es war ein sehr anspruchsvolles und schwieriges Jahr. Trainerwechsel hin oder her: Das müssen wir uns ein Stück weit selbst zuschreiben, weil die Leistung nicht so war, wie wir uns das vorgestellt hatten. Auch wenn wir gegen Leverkusen zur Halbzeit 0:3 hinten lagen, haben wir da aber schon eine andere Reaktion gezeigt als in den Wochen zuvor. In Frankfurt haben wir mit dem späten Gegentor dann unglücklich Punkte liegenlassen. Aber in den vergangenen zwei Spielen hat man gesehen, wie wir Fußball spielen wollen und wofür der VfL Wolfsburg steht. Natürlich ist die Punkteausbeute noch immer nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber wir sind auf dem richtigen Weg. Daher wollen wir das letzte Spiel noch positiv abschließen und mit drei Siegen in die Winterpause gehen.

Nach dem Spiel gegen Gladbach warst du nicht nur in der „Elf des Tages“, sondern wurdest vom „kicker“ zusätzlich zum „Spieler des Spieltags“ gewählt. Wie willst du das gegen Freiburg noch toppen?

Patrick: Toppen kann man das natürlich, wenn man das Spiel gewinnt und wieder ein paar Scorerpunkte macht. Aber im Endeffekt ist es egal, wer für die Vorlagen sorgt. Hauptsache, wir gewinnen die Spiele. Natürlich ist es schön, wenn ich mit meinen Toren für ein bisschen Aufschwung sorgen konnte, aber dazu gehört das ganze Team. Auch die Trainer haben einen großen Anteil daran. Es freut mich natürlich, wenn ich dem Team helfen kann und natürlich auch, dass ich zum Spieler des Spieltags gewählt worden bin. Das möchte ich jetzt bestätigen. Ich will letzte Woche noch einmal übertrumpfen. Das geht nur, wenn ich nachlege. Ich werde alles dafür tun, dass es am Samstag genauso weitergeht.