Porträtaufnahme von Lara Dickenmann im AOK Stadion.
13.11.2018
Frauen

„Prioritäten haben sich verschoben“

Nach ihrer Kreuzband-OP denkt Lara Dickenmann in kleinen Schritten.

Porträtaufnahme von Lara Dickenmann im AOK Stadion.

Ohne ihre Kapitänin Lara Dickenmann musste die Schweiz im Kampf um das letzte europäische Ticket für die WM 2019 in Frankreich einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen: Im Play-off-Hinspiel bei Europameister Niederlande unterlag die „Nati“ am letzten Freitag mit 0:3. Lange hielt das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg das Geschehen offen, doch zwei späte Treffer von Oranje verschlechterten die Ausgangsposition vor dem heutigen Rückspiel in Schaffhausen (Anstoß um 19 Uhr) erheblich. Es wäre fast ein Wunder, würden Noelle Maritz und Co. – die Abwehrspielerin ist nach dem Ausfall ihrer Teamkollegin die einzige Wölfin in den Play-offs – das Blatt noch einmal wenden. So realistisch ist auch Lara Dickenmann, die das Hinspiel vom Krankenbett aus via Livestream verfolgt hat. Im aktuellen Wölfinnen-Interview spricht die 135-malige Nationalspielerin über die WM-Chancen der Schweiz und blickt schon einmal auf das Top-Duell im Champions-League-Viertelfinale gegen ihren Ex-Klub.

Lara Dickenmann, die erste Frage liegt auf der Hand: Wie geht es dir?

Lara: Ganz gut! Ich habe sogar schon mit der Reha angefangen. Natürlich kann ich noch nicht viel machen, aber es ist besser als nichts.

Der Eingriff liegt ja erst fünf Tage zurück. Was ist denn in der Kürze der Zeit überhaupt schon möglich?

Lara: In erster Linie bekomme ich Behandlungen und Lymphdrainage. So werden beispielsweise die Muskeln rund ums Knie, die das Kreuzband stabilisieren sollen, massiert. Aber ich kann auch schon ein wenig ins Strecken und Beugen gehen. Und dann fehlt mir schließlich auch eine Sehne im linken Oberschenkel, da diese als Kreuzbandplastik dient und ins Knie implantiert wurde.

Kommen wir zum VfL Wolfsburg, genauer gesagt zur Viertelfinal-Auslosung in der UEFA Women’s Champions League. Was sagst du zum frühen Wiedersehen mit deinem Ex-Verein Olympique Lyon?

Lara: Grundsätzlich ist es ja so, dass man Lyon möglichst lange aus dem Weg gehen möchte. Aber auf der anderen Seite: Wenn man die Champions League gewinnen will, kommt man an Olympique Lyon nicht vorbei. Und dass wir jetzt schon im Viertelfinale aufeinandertreffen, muss ja nicht von Nachteil sein. Im diesjährigen Champions-League-Finale waren wir etwas müde und vielleicht schon über den Zenit unserer körperlichen Leistungsfähigkeit hinaus. Das wird im März definitiv anders sein! Das Rückspiel bestreiten wir vor unseren eigenen Fans – und dass man in Lyon gewinnen kann, haben wir vor zwei Jahren bewiesen. Und wenn ich sehe, wie unsere Mannschaft bislang auftritt, sollten wir nicht chancenlos sein.

Für dich werden die beiden Highlight-Spiele gegen den europäischen Rekord-Champion noch zu früh kommen. Das tut doch sicher schon jetzt ein bisschen weh, oder?

Lara: Ein bisschen. Aber ganz ehrlich gesagt, haben sich die Prioritäten gerade ein bisschen verschoben. Ich habe es angenommen, dass ich jetzt für einige Monate aus dem Rennen sein werde und meine Gedanken drehen sich nicht in erster Linie darum, wann ich wieder auf dem Platz stehen kann. Das ist ein langer Prozess – und im nächsten Schritt geht es erst einmal darum, wieder ohne Krücken schmerzfrei gehen zu können. Ich fand, dass es bei kleineren Verletzungen mehr wehgetan hat, wenn man bei einem Spiel nicht dabei sein konnte. Ganz einfach, weil man dann näher dran ist. Und wenn ich ehrlich bin, überwiegt im Moment eher die Freude, wenn ich unserer Mannschaft zuschaue. Das macht richtig Spaß!

Wenn ich ehrlich bin, überwiegt im Moment eher die Freude, wenn ich unserer Mannschaft zuschaue. Das macht richtig Spaß!
Lara Dickenmann

Dann hattest du wohl eher weniger Spaß, als du dir am letzten Freitag das erste Play-off-Finale deiner Schweizerinnen in den Niederlanden angesehen hast…

Lara: Ach nein, ich will das gar nicht so negativ sehen. Natürlich ist es eine Riesenhürde für das Rückspiel heute Abend, vier Tore erzielen zu müssen und kein Gegentor kassieren zu dürfen. Aber es war nicht alles schlecht am Freitag. Ich fand sogar, dass unsere Mannschaft es über weite Strecken richtig gut gemacht hat. Hinten raus war es dann vielleicht auch eine Frage der Kondition, erst recht, wenn der Gegner dann noch frische Kräfte reinbringt. Man ist dann oft nur noch auf den Ball fixiert, weniger auf die Gegenspielerin. Und dann passieren Fehler.

Für dich wird die Welt nicht untergehen, wenn du im Sommer 2019 frei haben solltest anstatt deine zweite WM zu spielen?

Lara: Nein, auf keinen Fall. Für mich ist die Welt kurzzeitig mal untergegangen, als wir 0:0 in Polen gespielt und damit die direkte WM-Qualifikation verpasst haben – aber auch nur für zehn Minuten. Tatsache ist, dass wir uns das Ei namens Play-offs mit dieser Partie und der Niederlage in Schottland selbst ins Nest gelegt haben. Dann kamen noch die Gelbsperre von Ramona Bachmann aus dem Play-off-Halbfinale sowie meine Verletzung dazu, ebenso der Ausfall von Malin Gut, einer 18-Jährigen mit großem Potenzial. Und Vanessa Bernauer ist nach ihrem Kreuzbandriss auch noch nicht wieder bei hundert Prozent. Letztlich sind das zu viele Negativfaktoren. Wenn wir gegen Nationen wie die Niederlande bestehen wollen, brauchen wir schon unseren stärksten Kader. Aber mir ist um die Zukunft nicht bange, wenn ich sehe, wie viele Talente in der Schweiz heranwachsen. Man nehme nur Rahel Tschopp…

…die im wichtigen Play-off-Hinspiel ihr Debüt in der Schweizer Nationalmannschaft gefeiert hat.

Lara: Genau. Mit 18 Jahren gleich mal vor fast 24.000 Zuschauern ins kalte Wasser geworfen zu werden – das sind Erfahrungen, die Spielerinnen meiner Generation nicht sammeln konnten. Und wie schon erwähnt: Es gibt es gleich mehrere Talente, die wirklich großes Potenzial besitzen. Aber wir müssen ihnen Zeit geben, das ist ein Entwicklungsprozess. Da sind andere Nationen einfach schon weiter.

Lara Dickenmann, auf Krücken gestützt, an der Seitenlinie während eines Heimspiels der VfL-Frauen.

Blicken wir zum Schluss nochmal auf das heutige Rückspiel gegen die Niederlande und kratzen allen Optimismus zusammen: Was muss passieren, damit das Schweizer Wunder Wirklichkeit wird?

Lara: Zum einen ist es wichtig, dass Ramona Bachmann wieder dabei ist. Nichts gegen die anderen Spielerinnen, aber ihre Fähigkeiten heben uns als Team insgesamt auf ein anderes Level. Dann wäre es natürlich wichtig, ein frühes Tor zu erzielen, wobei wir auch dann nicht zu euphorisch agieren dürften. Es muss alles für uns laufen, das ist uns allen klar. Aber im Fußball kann viel passieren.

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