Im Interview: Kevin Paredes über endlose Nächte, den Weg zu seinem Happy Place und die fehlende Geduld seiner Eltern.
Kevin Paredes hat ein Jahr voller Rückschläge hinter sich. Und doch blickt der 22-Jährige voller Dankbarkeit zurück. Statt zu hadern, hat der US-Youngster die Zeit genutzt, um an sich zu arbeiten – körperlich und mental. Im Interview spricht Paredes über seinen Weg durch die Hölle und endlose Nächte mit seinem Vater. Außerdem erzählt er, wie die fehlende Geduld seiner Eltern zum Start seiner Karriere führte.
Kevin, erinnerst du dich noch an dein letztes Bundesliga-Spiel für den VfL?
Kevin Paredes: Das müsste ein Heimspiel gegen Freiburg gewesen sein, als ich gerade meine Verletzung überstanden hatte. Es fühlt sich ehrlich gesagt ewig her an.
Korrekt. Dein Comeback hattest du in der Woche zuvor beim 2:2 in Mainz gefeiert. Du hast dort das frühe 1:0 von Maximilian Arnold vorbereitet. Was hat dir dieser Moment damals bedeutet?
Kevin: Ich war acht Monate komplett raus aus dem Fußball. In dieser Zeit habe ich nur darauf gewartet, wieder dieses Gefühl zu erleben, wieder auf dem Platz zu stehen. Das ist einfach mein Happy Place. Für meinen Assist musste ich nicht viel machen: Ich spiele den Ball zu Max, er erledigt aus der Distanz den Rest. Aber dieses Spiel war für mich viel größer als nur diese Szene. Mit der Mannschaft zusammen zu sein und das zu machen, was ich liebe, das hat mir wirklich die Welt bedeutet.
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Du hast danach auf Instagram geschrieben, dass das Comeback nur der Anfang war. Leider hielt die Freude nur zwei Spiele. Als du dich wieder verletzt hast, wurde dir da ein Stück weit bewusst, wie fragil die Fußballwelt ist?
Kevin: Ja, auf jeden Fall. Wenn du davon träumst, Profi zu werden, sagen dir alle, dass du einen Plan B brauchst und an Verletzungen denken musst. Aber ehrlich gesagt war das in meinem Kopf nie wirklich präsent. Beim zweiten Mal hat es mich härter getroffen, weil ich ja gerade erst acht Monate raus gewesen war. Es war exakt das gleiche Gefühl. Ich wusste sofort, dass es wieder passiert ist. In dem Moment war mir klar, dass ich in den nächsten Monaten wieder durch die Hölle gehen werde. Ich hatte aber auch keine Zeit mehr zu verlieren. Also war mein erster Gedanke: Lass uns das jetzt durchziehen, egal wie lange es dauert.
Wenn dir etwas genommen wird, das du liebst, vermisst du es noch mehr. Ich habe in dieser Zeit extrem viel über mich gelernt und verstanden, dass das alles Teil meines Weges ist.
Kevin Paredes
Also gab es keinen Plan B?
Kevin: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Das hier war immer mein Traum und mein Ziel. Schon als ich mit dem Fußball angefangen habe, wusste ich, dass es für mich kein Zurück gibt. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Natürlich kommt irgendwann der Punkt, an dem du dich fragst, wo dein Limit ist. Wieder laufen zu lernen, jeden Tag mit klarem Kopf aufzuwachen – das war extrem schwierig. Ich würde sagen, dass ich in den letzten anderthalb Jahren mental mehr durchgemacht habe als körperlich. Aber ich bin überzeugt davon, dass ich durch solche Phasen gehen muss, um das zu werden, was ich sein will.
Also war 2025 ein Jahr zum Vergessen?
Kevin: Nein, überhaupt nicht. Ich bin sogar sehr dankbar für dieses Jahr. Wenn dir etwas genommen wird, das du liebst, vermisst du es noch mehr. Ich habe in dieser Zeit extrem viel über mich gelernt und verstanden, dass das alles Teil meines Weges ist. Ich wusste, ich habe zwei Möglichkeiten: Ich kann jeden Tag zweifeln und an die guten alten Zeiten denken oder ich stehe jeden Morgen auf und gebe alles, auch wenn es nur kleine Schritte sind. In meiner Familie wurde niemandem etwas geschenkt, weder meinen Eltern noch meinen Brüdern.
Kevin: Meine Eltern kamen im Alter von 18 Jahren aus der Dominikanischen Republik in die USA. Ohne Geld, ohne Sicherheiten, nur mit einer Mentalität von harter Arbeit und dem Willen, ihr Leben zum Besseren zu verändern. Wenn du aus einem armen Land kommst, bist du für alles dankbar. Das haben sie mir früh mitgegeben. Mein Dad erzählt mir heute noch, dass er früher fast eine Stunde zu Fuß in eine andere Stadt zur Schule gelaufen ist. Solche Geschichten erden mich. Du verstehst, dass dir im Leben nichts geschenkt wird und dass du für alles arbeiten musst.
Was macht dein Vater beruflich?
Kevin: Meine Eltern und meine Brüder sind alle in der IT-Branche tätig. Ich bin der Einzige, der einen anderen Weg eingeschlagen hat. Ich kann mich noch gut an den Bring-dein-Kind-zur-Arbeit-Tag erinnern. Da war ich vielleicht elf Jahre alt und habe meinem Vater vier Stunden lang dabei zugesehen, wie er an seinem Schreibtisch auf der Tastatur getippt hat. Da wurde mir schnell klar, dass ich niemals einen Office-Job machen kann. Mein Dad hat immer Witze gemacht, dass, wenn es mit dem Fußball nichts mehr wird, er immer einen Platz für mich in seinem Büro hat. Danach habe ich in der Reha noch ein paar Prozent mehr rausgeholt. (lacht)
Hast du in der Verletzungspause Spaß an anderen Dingen gefunden?
Kevin: Ja. Micky van de Ven hat mich zum Darts gebracht. Ich habe mir zuhause ein professionelles Setup aufgebaut, und wir haben viel gegeneinander gespielt, meistens über FaceTime. Dazu kam das Kochen. Das habe ich in meinen ersten Jahren in Wolfsburg eigentlich nie gemacht. Ich habe mir meistens Essen aus dem VfL-Center mitgenommen oder war mit Aster Vranckx und Micky essen. Wir alle haben nicht wirklich gekocht. Als sie dann weg waren, musste ich mir etwas überlegen. (lacht) Also habe ich angefangen, kochen zu lernen. In dieser Phase war ich außerdem ein paar Monate zuhause bei meiner Familie. So viel Zeit habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihnen verbracht. Das hat mir extrem geholfen, den Kopf freizubekommen.
Uns ist zu Ohren gekommen, dass du dort einen Marathon der etwas anderen Art absolviert hast.
Kevin: Ich habe mit meinem Vater alle Marvel-Filme in der richtigen Reihenfolge geschaut. Das hat insgesamt ein paar Wochen gedauert. Großen Respekt an meinen Dad: Er kam oft spät von der Arbeit, ich habe dafür gesorgt, dass ich rechtzeitig alle meine Reha-Übungen erledigt hatte, und dann haben wir es uns gemeinsam auf der Couch gemütlich gemacht und zwei bis drei Filme pro Abend geschaut. Er ist oft erst um ein oder zwei Uhr nachts ins Bett gegangen und ein paar Stunden später schon wieder zur Arbeit aufgestanden. Das war etwas ganz Besonderes für mich und hat mich ein Stück weit zurück in meine Kindheit gebracht.
Wenn man auf die Sportlandschaft der USA schaut, ist Fußball dort nicht auf den oberen Rängen zu finden. Wie bist du überhaupt dazu gekommen?
Kevin: Das ist eigentlich eine ganz witzige Geschichte. In der Dominikanischen Republik ist Baseball die klare Nummer eins. Als meine beiden älteren Brüder klein waren, wollten meine Eltern, dass sie irgendeinen Sport machen, also haben sie sie zuerst zum Baseball geschickt. Das Problem war nur, dass Baseballspiele ewig dauern – drei, vier Stunden. Dafür hatten meine Eltern einfach keine Geduld. Irgendwann haben sie gesagt, das können wir nicht jedes Wochenende machen. Also sind meine Brüder zum Fußball gewechselt. Und irgendwann wurde das einfach an mich weitergegeben.
Gab es für dich jemals eine echte Alternative zum Fußball?
Kevin: Wenn ich nicht so klein wäre, würde ich heute vielleicht Basketball spielen. Ich habe bis zur Middle School auch in Teams gespielt und war ordentlich, nicht überragend, aber gut. Je höher es ging, desto besser wurden die Gegner, und irgendwann habe ich gemerkt: Die Jungs sind einfach zu gut, zu groß, zu athletisch. In dieser Zeit habe ich Fußball und Basketball parallel gespielt. An vielen Wochenenden musste ich mich entscheiden, weil die Spiele zeitgleich waren. Und genau da kam der Punkt, an dem mir klar wurde: Beim Basketball habe ich keine echte Chance, Profi zu werden. Beim Fußball war das anders. Also habe ich meinen Eltern damals gesagt: Das ist mein Weg.
In meinem Kopf will ich immer in der Startelf stehen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass die Jungs in meiner Abwesenheit hart gearbeitet haben und wir gerade ein gutes Momentum haben.
Kevin Paredes
Eine gute Entscheidung, würde ich sagen. In Portugal trainierst du schon teilweise wieder mit der Mannschaft. Wie nah fühlst du dich deinem Comeback?
Kevin: Ich will nichts verschreien, aber ich habe das Gefühl, dass ich immer näher komme. Ich rieche den Rasen der Volkswagen Arena schon. So sehr ich es auch genieße, den Jungs beim Spielen zuzuschauen – ich will wieder Teil von allem sein. Von den guten Momenten, aber auch von den schwierigen.
Welche Rolle traust du dir im Team zu, wenn du voll zurück bist?
Kevin: In meinem Kopf will ich immer in der Startelf stehen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass die Jungs in meiner Abwesenheit hart gearbeitet haben und wir gerade ein gutes Momentum haben. Im Vergleich zu meinen Anfängen beim VfL bin ich körperlich und mental stärker geworden und fühle mich auf dem Platz wohler, meine technischen Fähigkeiten zu zeigen. Ich will der Mannschaft helfen, Energie reinbringen – und natürlich um meinen Platz kämpfen.
In diesem Jahr findet die Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA statt – also auch in deinem Heimatland. Wie viel Motivation gibt dir das?
Kevin: Sehr viel, ehrlich gesagt. Mir ist bewusst, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Aber seit der WM 2022 habe ich immer das Gefühl gehabt, nah dran zu sein. Damals war ich zwar nicht im finalen Kader, aber Teil des erweiterten Kreises – das hat mir gezeigt, dass man mich auf dem Schirm hat. Ich weiß, dass es extrem schwierig wird. Trotzdem glaube ich nicht, dass dieser Traum außer Reichweite ist. Im Fußball ist vieles möglich. Deshalb versuche ich, mir nicht zu viel Druck zu machen und jeden Tag alles zu geben.
Du erlaubst dir also zu träumen?
Kevin: Auf jeden Fall. Wenn du nicht träumst, solltest du gar nicht erst die Fußballschuhe schnüren. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich mir diese großen Träume erst erarbeiten muss. Im Moment geht es für mich darum, komplett fit zu werden und hoffentlich bei den nächsten Spielen wieder dabei zu sein.