Hauke Wahl spricht im Interview über seinen Weg zum Führungsspieler.
In Hamburg aufgewachsen, in Schwerin zum Fußballer geworden und in Kiel geheiratet – Hauke Wahl ist ein echtes Nordlicht. Am Wochenende geht es für den gebürtigen Hamburger erstmals zurück zu seinem Ex-Klub FC St. Pauli. Im Interview spricht der 32 Jahre alte Innenverteidiger über das bevorstehende Wiedersehen am Millerntor, seine Verbindung zum Norden, schwierige Zeiten – und darüber, welche Erkenntnisse er daraus für seine Rolle als Führungsspieler gezogen hat.
Hauke, hättest du dir vor vier Monaten vorstellen können, dass du morgen ans Millerntor als Gegner zurückkehrst?
Hauke Wahl: Nein, grundsätzlich nicht. Zumindest nicht in dieser Konstellation. Natürlich macht man sich immer Gedanken darüber, was nach einer Saison passiert. Man denkt aber nicht an einzelne Spiele. Gefühlt bin ich noch gar nicht so lange weg. Deswegen wird es wahrscheinlich etwas komisch sein, aber für mich natürlich auch etwas Besonderes.
Beschreibt das auch dein Gefühl, wenn du an Samstag denkst?
Hauke: Nein, ich freue mich sehr. Ich verspüre pure Vorfreude. Es ist das Stadion, in dem ich mit dem Aufstieg in die Bundesliga den größten Erfolg meiner Karriere gefeiert habe. Ich erinnere mich an sehr viele positive Momente mit den Fans, den Menschen vor Ort oder der Mannschaft. Gleichzeitig ist Hamburg auch meine Heimatstadt, das macht es noch einen Tick besonderer. Deswegen freue ich mich sehr auf das Spiel – vor allem, weil es an einem Samstagabend ist. Das wird eine ganz besondere Atmosphäre.
St. Pauli ist nicht der einzige Klub in der 2. Bundesliga, mit dem du eine Verbindung hast. Auf welches Duell freust du dich noch?
Hauke: Natürlich auf Holstein Kiel. Das ist der Klub, bei dem ich Profi geworden bin und die meiste Zeit meiner Karriere verbracht habe. Zweimal war ich dort und komme insgesamt auf sieben Jahre im Profifußball. Das ist schon recht viel und auch etwas Besonderes für mich. Auch zu den Leuten habe ich noch viel Kontakt. Kiel habe ich immer als meine zweite Heimat bezeichnet. Ich habe dort meine Frau kennengelernt und geheiratet. Vier Jahre lang war ich dort Kapitän und habe immer eine sehr große Wertschätzung gespürt. Deswegen sind das die beiden Duelle, auf die ich mich am meisten freue.
Was auffällt: In deiner Karriere als Profifußballer hat es dich immer zurück in den Norden gezogen. Hatte deine Heimat einen Einfluss auf deine Entscheidungen?
Hauke: Nein, nicht wirklich, aber es hat irgendwie immer gepasst. Es waren die Schritte, die am meisten Sinn ergeben haben: zurück nach Kiel nach einer schwierigen Phase meiner Karriere, in der ich nicht so viel gespielt und nicht die Wertschätzung erhalten habe, wie ich es mir gewünscht hätte. Da war Kiel das Beste, was mir passieren konnte. Dann St. Pauli – auch dieser Schritt war unfassbar wichtig für mich. Und jetzt mit Wolfsburg ist es auch ein Nordverein, bei dem alles passt und bei dem der Schritt einfach der richtige ist. Es ist schön, dass diese Vereine im Norden sind – auch weil der Weg nach Hause nicht weit ist. Meine Entscheidungen waren nie davon abhängig, wie weit ein Verein von Hamburg entfernt ist, sondern davon, ob es gepasst hat. Das waren dann glückliche Umstände. Aber ich entscheide mich nicht bewusst nur für Nordvereine.
Als gebürtiger Hamburger Wolfsburg als Norden zu bezeichnen, ist auch eher ungewöhnlich.
Hauke: Niedersachsen gehört für mich zum Norden dazu. In den Regionalligen oder in der Nachwuchsliga war Niedersachsen immer im Norden dabei. Deswegen ist es nicht der „echte“ Norden – wie Hamburg oder Schleswig-Holstein – aber doch Norden.
Als Kind hast du lange Handball gespielt. Nun bist du Profifußballer – was ist da schiefgelaufen?
Hauke: Ich bin sehr überzeugt, dass ich auch Handballprofi geworden wäre. (lacht) Nein, meine ganze Familie hat Handball gespielt. Mein Cousin hat auch in der Bundesliga gespielt und war immer ein großes Vorbild für mich. Irgendwann sind wir aus Hamburg raus und aufs Dorf gezogen. Und in meiner Klasse haben mit acht oder neun Jahren alle Fußball gespielt. Da bin ich mit meinem Kumpel mitgegangen und seitdem hat mich der Fußball nicht mehr losgelassen. Ich habe eine Zeit lang beides gemacht, aber das war eine zu große Fahrerei für meine Eltern, besonders für meine Mutter. Daher musste ich mich entscheiden. Und weil ich in dieser Phase mehr Spaß am Fußball als am Handball hatte, habe ich mich für den Fußball entschieden. Da gab es keinen bestimmten Moment, sondern es war einfach ein Gefühl.
Mit 13 Jahren bist du dann auf ein Sportinternat nach Schwerin gegangen. Wie war das für dich?
Hauke: Die ersten zwei Wochen waren überragend, weil es sich angefühlt hat wie ein Feriencamp. Dann habe ich ein halbes Jahr Heimweh gehabt und nur geheult. Glücklicherweise kommen meine Eltern gebürtig aus Schwerin, weswegen wir dort Familie hatten. Meine Großeltern, sowohl die Eltern meiner Mutter als auch die meines Vaters, haben mich unfassbar unterstützt. Sie haben mir sehr viel Geborgenheit gegeben. Ohne sie wäre es echt schwierig geworden, das auch so durchzuziehen. Aber ich konnte mich immer auf meine Familie verlassen und nach einem halben Jahr wurde es dann besser. In der Nachbetrachtung war es aber nicht immer leicht, mit 13 Jahren zu Hause auszuziehen.
War das für dich die erste große Herausforderung als Fußballer?
Hauke: In Verbindung mit dem Fußball, ja, aber vor allem als Mensch. Das war keine einfache Zeit, weil ich als absoluter Familienmensch nicht nur meine Eltern, sondern auch meinen Bruder sehr vermisst habe. Damals wie heute habe ich fast alles mit ihm zusammen gemacht. Das hat mir einfach gefehlt, wenn man am Wochenende nur einen Tag zusammen hatte. Ich bin der vollen Überzeugung, dass ich ohne meine Familie nie so weit gekommen wäre. Gleichzeitig habe ich relativ schnell gelernt, allein zurechtzukommen. Das hat mir für die spätere Zeit sehr geholfen.
… da habe ich gelernt, dass es im Internat oder im Fußball Menschen gibt,
die auch eine Familie sein können.
Hauke WahlGab es zwischendrin einen Punkt, an dem du gemerkt hast, dass sich das nun alles auszahlt?
Hauke: Nein, nicht wirklich. Das war ein Prozess. Ich erinnere mich aber an einen Tag: Es war ein Montag im Sportunterricht und ich konnte nicht mehr. Ich habe meine Großeltern angerufen und anschließend saßen wir beim Schulleiter zusammen und haben überlegt, wie wir es hinbekommen. Dann durfte ich zwei, drei Tage nach Hause fahren. Irgendwann im Frühling haben meine Internatskollegen zu mir gesagt: „Komm doch mal mit uns raus, lass uns etwas zusammen machen.“ Wir wollten nur etwas Zeit in der Stadt verbringen. Was hat man sich damals schon geholt? Ein Croissant oder so. Das waren nur kleine Sachen, um uns die Zeit zu vertreiben, aber da habe ich gelernt, dass es im Internat oder im Fußball Menschen gibt, die auch eine Familie sein können. Das hat mir extrem geholfen, sodass ich zum Ende des Halbjahres wirklich angekommen war.
In der B-Jugend bist du dann nach Dresden gewechselt und hast den Norden erstmals verlassen.
Hauke: Das war anfangs schwierig, weil ich noch einmal weiter weg war. Statt einer Stunde mit dem Zug waren es auf einmal viereinhalb. Das macht sich bemerkbar, weil man die Familie nur noch alle ein, zwei Monate sieht. Aber auch das war im Nachhinein eine der wertvollsten Zeiten. Sportlich und menschlich war es für mich nicht ganz einfach, aber sehr, sehr prägend. Nach anderthalb Jahren war es dann für mich aber auch sehr wichtig, dass ich etwas Neues mache und nach Kiel gehe.
Hat dich diese Zeit am meisten geprägt?
Hauke: Menschlich auf jeden Fall. Es trifft andere bestimmt viel schlimmer als mich, aber für mich war es schon hart. Ich war schon sehr allein in gewissen Situationen und bin dadurch in den Jahren sehr, sehr eigenständig geworden. Das ist natürlich auch viel Zeit, die man mit der Familie nicht verbringen konnte, und im Nachhinein auch schade. Aber das hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Ich bin sehr zufrieden mit den Werten, die mir beigebracht wurden. Und das zieht sich bis heute durch, sodass ich gerade die Zeit mit meiner Familie sehr, sehr wertschätze.
Du bist zu einem Führungsspieler herangewachsen. Du warst Kapitän bei Kiel, Vizekapitän beim SC Paderborn und bist als Fußballer bei St. Pauli vorangegangen. Inwiefern hatte deine Vergangenheit darauf einen Einfluss?
Hauke: Das ist schwer zu beantworten. Ich möchte immer, dass es den Menschen um mich herum gut geht. Vielleicht, weil ich Phasen hatte, in denen es mir nicht gut ging und mir andere Leute dabei geholfen haben. Das ist etwas, was mir wichtig ist. Ein Führungsspieler ist eine Charaktereigenschaft, die man entweder hat oder nicht. Nur wenn man sie hat, kann man da auch reinwachsen. Es gibt Spieler, die sind dafür nicht gemacht. Und das ist auch gut so, denn wenn man nur Führungsspieler hat, funktioniert das Ganze auch nicht. In Kiel wurde ich immer öfter in Situationen gebracht, in denen ich Verantwortung übernehmen musste und immer mehr von mir verlangt wurde. Ich habe viel Rückendeckung bekommen, sodass ich als Kapitän meinen eigenen Weg gehen konnte.
Unabhängig davon, ob ich die Kapitänsbinde trage oder nicht: Ich habe meine Werte, die ich mir auf die Fahne schreibe, die ich tagtäglich lebe und bei denen ich auch von anderen möchte, dass sie diese leben. Jeder definiert die Rolle als Führungsspieler anders. Ich habe über Jahre meinen Weg gefunden, wie ich Führung übernehmen möchte.
Wie definierst du die Rolle als Führungsspieler?
Hauke: In allererster Linie muss er erst einmal Leistung bringen. Ein Führungsspieler, der keine Leistung bringt und nur erzählt, ist irgendwann unglaubwürdig. Das Zweitwichtigste ist für mich, dass er das, was er von der Mannschaft fordert, auch selbst vorlebt. Mir ist wichtig, dass es den Jungs um mich herum gut geht und sie das Gefühl haben, dass sie mit mir reden können, wenn sie Probleme haben oder Dinge anders sehen. Da gehört Ehrlichkeit dazu. Das heißt nicht, dass man immer hart zueinander sein muss, sondern dass man positiv ehrlich zueinander ist und sagt, was man gut findet oder was man an dem anderen schätzt. Auf der anderen Seite kann man sich so besser kritisieren, weil man dadurch weiß, dass der andere nur im besten Sinne für einen handelt. Und natürlich gehört Respekt dazu – gegenüber jedem: ob Mannschaft, Staff oder den Menschen um uns herum. Dann kann man als Team immer erfolgreich sein.
Unabhängig davon, ob ich die Kapitänsbinde trage oder nicht: Ich habe meine Werte, die ich mir auf die Fahne schreibe, die ich tagtäglich lebe und bei denen ich auch von anderen möchte, dass sie diese leben.
Hauke WahlIn deinem ersten Pflichtspiel als Wolf hast du die Mannschaft direkt als Kapitän aufs Feld geführt. Was war das für ein Gefühl?
Hauke: Es ist mir eigentlich nicht wichtig, ob ich eine Kapitänsbinde trage oder nicht. Aber natürlich: Wenn man mir vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ich den VfL in meinem allerersten Pflichtspiel als Kapitän aufs Feld führe, hätte ich das nicht geglaubt. Es ist ein großes Privileg, weil es für mich ein sehr großer Verein ist. Deswegen bin ich in dem Moment sehr, sehr stolz gewesen. Wenngleich es mir nicht um die Kapitänsbinde geht, sondern um die Wertschätzung, die ich in dieser kurzen Zeit bekommen habe. Das ist etwas sehr Besonderes.
Kommen wir auf Samstag zu sprechen. Du kennst den Gegner, du kennst die 2. Bundesliga: Worauf kommt es gegen St. Pauli an?
Hauke: Es ist wie jedes Spiel in dieser Liga: Jeder möchte uns schlagen, weil jeder um die Qualität unserer Mannschaft weiß. Wir gelten als der große Topfavorit und deswegen will jeder in diesem Spiel noch ein paar Prozent mehr geben als in den anderen Spielen. Uns erwartet ein sehr heißes Stadion. Aus meinen Jahren bei St. Pauli weiß ich, dass Flutlichtspiele am Millerntor immer etwas Besonderes sind. Da werden wir uns auf etwas Toughes einstellen müssen. Ich bin aber vollkommen überzeugt davon, dass wir eine gute Leistung bringen werden. Es wird eine laute Atmosphäre, ein richtiger Charaktertest – und wir müssen hungriger sein als der Gegner. Eine Aussage von Vincent Kompany in der vergangenen Woche fand ich sehr treffend: „Der Gegner darf nicht hungriger sein als wir.“ Und wenn wir hungriger sind, stehen die Chancen sehr gut, dass wir das Spiel in unsere Richtung bringen.