Frauen

„Im Hintergrund passiert oft die meiste Arbeit“

Omar Rüppel über seinen Alltag als leitender Physiotherapeut und Athletiktrainer der VfL-Frauen.

Seit vielen Jahren ist Omar Rüppel Teil des Staffs der Frauen des VfL Wolfsburg. Was im Nachwuchsbereich begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer zentralen Rolle im Profibereich. Im Interview spricht der leitende Physiotherapeut und Athletiktrainer über seinen Weg zum VfL Wolfsburg, die tägliche Arbeit zwischen Rehabilitation, Belastungssteuerung und Prävention – und darüber, warum ein Großteil seiner Arbeit für Außenstehende unsichtbar bleibt.

Omar Rüppel, wie bist du zu deiner Rolle beim VfL Wolfsburg gekommen?

Omar Rüppel: Nach meinem Physiotherapiestudium bin ich über private Kontakte nach Wolfsburg gekommen und habe zunächst im Frauennachwuchsbereich angefangen. Ich war bei der U17 und später bei der U20 beziehungsweise U23 tätig und durfte schon früh die erste Mannschaft unterstützen. Mein erstes Training mit dem Profiteam war 2014. Zunächst habe ich im Nachwuchs in Teilzeit gearbeitet, ab 2015 dann in Vollzeit. 2016 hat sich die Chance ergeben, die Leitung im Bereich der ersten Mannschaft zu übernehmen – und diese Möglichkeit habe ich bekommen. Seitdem hat sich vieles entwickelt, und ich durfte diesen Weg über viele Jahre begleiten.

Was genau gehört zu deinen Aufgaben als leitender Physiotherapeut und Athletiktrainer?

Omar: Meine Arbeit ist sehr interdisziplinär. Ein großer Schwerpunkt liegt auf der Rehabilitation verletzter Spielerinnen, dazu kommen präventive Maßnahmen und – je nach Bedarf – auch athletische Inhalte. Ich koordiniere Reha-Prozesse und arbeite dabei in enger Abstimmung mit unserem Physioteam um Lina Peth, Alicia Ryschka und Ewa Gehring-Sturm, den Athletiktrainern Lars Edel sowie Individualtrainer und Datenanalyst Olivier Dijk und Sportpsychologe Robin Joostens. Ebenso stehen wir in engem Austausch mit unseren Teamärzten Sebastian Kunz und Abhishek Sharma.

Wir haben insgesamt ein sehr eng verzahntes medizinisches und athletisches Team, in dem der tägliche Austausch extrem gut funktioniert und jeder seinen Teil dazu beiträgt. Gerade dieses „Team hinter dem Team“ ist ein entscheidender Faktor für unsere Arbeit – weil viele Prozesse nur dann funktionieren, wenn alle Bereiche Hand in Hand arbeiten. Gemeinsam mit den Teamärzten begleiten wir die Spielerinnen individuell durch alle Phasen. Darüber hinaus gehören auch Themen wie Diagnostik, Wellness-Monitoring oder die Betreuung bei Zyklus-Themen dazu. Am Ende geht es immer darum, die Spielerinnen gesund, belastbar und leistungsfähig zu halten – denn nur dann können sie ihr volles Potenzial auf dem Platz abrufen.

Meine Arbeit ist sehr interdisziplinär. Ein großer Schwerpunkt liegt auf der Rehabilitation verletzter Spielerinnen, dazu kommen präventive Maßnahmen und – je nach Bedarf – auch athletische Inhalte.
Omar Rüppel

Wie sieht ein typischer Arbeitstag rund um Training oder Spiel bei dir aus?

Omar: Der Tag beginnt in der Regel mit einer Frühbesprechung im Trainerteam. Dort stimmen wir uns über den Zustand der Spielerinnen, die Trainingsplanung und aktuelle Reha-Prozesse ab. Häufig gibt es vorab bereits einen kurzen Austausch mit dem Mannschaftsarzt. Im Anschluss verteilen wir die Aufgaben im Team: Ein Teil ist beim Training draußen, während sich andere um Behandlungen, Diagnostik oder Reha-Spielerinnen kümmern. Nach der Einheit folgen Regenerationsmaßnahmen, individuelles Training oder weitere Behandlungen. Ein großer Teil der Arbeit findet danach im Hintergrund statt – etwa die Dokumentation, die Planung der nächsten Trainingstage oder medizinische Abstimmungen. An Spieltagen kommen zusätzliche Abläufe hinzu: Vorbereitung des medizinischen Materials sowie die Betreuung vor, während und nach dem Spiel. Vieles davon läuft im Hintergrund und wird von außen kaum wahrgenommen.

Wo liegt der Unterschied zwischen Physiotherapie und Athletiktraining im Profifußball?

Omar: Eine klare Trennung ist schwierig, weil beide Bereiche eng ineinandergreifen. Genau darin liegt aber auch ihre Stärke. Es geht immer um das Zusammenspiel aus Prävention, Belastungssteuerung und Leistungsentwicklung. Gerade im Übergang von der Rehabilitation zurück ins Mannschaftstraining verschwimmen die Grenzen. Entscheidend ist, dass alle Bereiche eng zusammenarbeiten und sich kontinuierlich abstimmen.

Welche Rolle spielt Athletiktraining im modernen Frauenfußball?

Omar: Eine sehr große. Das Spiel ist in den vergangenen Jahren deutlich schneller, intensiver und physischer geworden. Gleichzeitig ist die Leistungsdichte enorm gestiegen. Faktoren wie Sprintleistung, Stabilität, Richtungswechsel oder wiederholte Hochintensitätsaktionen sind heute entscheidend. Natürlich bleibt das Fußballerische das wichtigste Element, aber die athletischen Voraussetzungen sind ein zentraler Leistungsfaktor geworden. Mit der steigenden Intensität wächst auch die Bedeutung von Prävention und Regeneration.

Was sind die häufigsten Verletzungen – und wie arbeitet ihr präventiv dagegen?

Omar: Typische Verletzungen sind Muskelverletzungen, Knieprobleme und Sprunggelenksverletzungen. Dazu kommen auch internistische Themen wie Infekte. Prävention bedeutet für uns, frühzeitig Risikofaktoren zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Dazu gehören Krafttraining, neuromuskuläres Training, Belastungssteuerung und individuelle Anpassungen. Auch Themen wie Ernährung, Regeneration, psychologische Betreuung und der offene Umgang mit dem Zyklus spielen eine wichtige Rolle. Entscheidend ist, dass wir frühzeitig eingreifen und die Spielerinnen offen kommunizieren können.

Wie begleitet ihr Spielerinnen auf dem Weg zurück nach einer Verletzung?

Omar: Der Weg zurück ist immer individuell. Es gibt zwar klare Phasen – von der Akutbehandlung über den Aufbau bis hin zur sportartspezifischen Belastung und der Integration ins Teamtraining –, aber keine Rehabilitation verläuft identisch. Wir arbeiten sehr eng im Team zusammen und passen die Inhalte individuell an. Ein wichtiger Schritt ist auch das positionsspezifische Individualtraining, bevor die Spielerinnen vollständig ins Mannschaftstraining zurückkehren. Am Ende braucht es eine saubere Belastungssteuerung, objektive Kriterien und eine enge Kommunikation zwischen allen Beteiligten.

Wie steuert ihr die Belastung der Spielerinnen – gerade in englischen Wochen?

Omar: In solchen Phasen ist es entscheidend, die Belastung möglichst stabil zu halten. Wir arbeiten mit verschiedenen Parametern wie GPS-Daten, subjektivem Feedback und Regenerationswerten. Wir schauen genau darauf, wer viele Minuten gespielt hat und wer nachbelastet werden muss. Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit hochzuhalten und gleichzeitig Überbelastung zu vermeiden. Auch Spielerinnen mit weniger Einsatzzeit müssen gezielt ihre Reize bekommen, damit sie jederzeit einsatzbereit sind. Das ist ein zentraler Faktor in intensiven Spielphasen.

Wie wichtig ist Vertrauen zwischen dir und den Spielerinnen – und wie baust du das im Alltag auf?

Omar: Vertrauen ist die Grundlage unserer Arbeit. Nur wenn Vertrauen da ist, bekommen wir ehrliches Feedback – und das ist im medizinischen Bereich extrem wichtig. Wir versuchen, transparent zu arbeiten, individuell auf die Spielerinnen einzugehen und auch in schwierigen Phasen verlässlich zu sein. Die Spielerinnen müssen spüren, dass wir gemeinsam für ihre Gesundheit und Leistung arbeiten. Für mich ist es immer ein schönes Zeichen, wenn ehemalige Spielerinnen sich melden oder man sich wiedertrifft und direkt ein gutes Gefühl da ist.

Was bekommen Fans von eurer Arbeit im Hintergrund meist gar nicht mit?

Omar: Ein Großteil unserer Arbeit passiert im Hintergrund. Dazu gehören die komplette Planung und Steuerung von Reha-Prozessen, unzählige Behandlungen, Regenerationsmaßnahmen und medizinische Abstimmungen – häufig auch in enger Abstimmung mit unseren Teamärzten. Auch organisatorische Themen wie Dokumentation, Befunde, Austausch mit anderen Ärzten oder die Betreuung bei externen Terminen gehören dazu. Wenn Spielerinnen verletzt sind, begleiten wir sie oft auch zu Spezialisten. Am Ende geht es darum, die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Spielerinnen auf dem Platz performen können. Wir stehen nicht im Vordergrund – aber wir sorgen dafür, dass alles im Hintergrund funktioniert.