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„Ich wäre immer noch Sebastiaan“

VfL-Innenverteidiger Sebastiaan Bornauw im Interview vor dem Bochum-Spiel.

Sebastiaan Bornauw ist einer der Protagonisten des mannschaftsinternen Dreikampfs um die beiden Innenverteidiger-Positionen und hofft darauf, beim wichtigen Heimspiel der Wölfe gegen den VfL Bochum am heutigen Samstagnachmittag (Anstoß um 15.30 Uhr) wieder in der Startelf zu stehen – wie bereits beim jüngsten 2:2 in Leverkusen und beim 2:1-Pokalerfolg in Braunschweig. Der im Sommer 2021 aus Köln zu den Grün-Weißen gestoßene Belgier erzählt im Interview unter anderem über seine fußballerischen Anfänge in Marokko und seine Lust an Sprachen, aber natürlich auch über die derzeitige sportliche Lage und die kommenden Aufgaben. Dabei hat sich der 23-Jährige vorgenommen, vor allem eine persönliche Statistik positiver zu gestalten.

Sebastiaan Bornauw, du hast deine Vereinskarriere als Kind ungewöhnlicherweise in Marokko (Wydad Casablanca) begonnen. Wie kam es dazu?

Sebastiaan Bornauw: Mein Vater hat in Marokko gearbeitet, weshalb wir für zweieinhalb Jahre dorthin gezogen sind, als ich sechs war. Mit etwa acht Jahren habe ich dann dort angefangen, Fußball zu spielen.

Marokko ist tatsächlich einer der WM-Gruppengegner von Belgien. Gibt es heute noch besondere Beziehungen zu dem nordafrikanischen Land?

Sebastiaan: Wir haben immer noch eine starke Verbindung zu dem Land, die zweieinhalb Jahre dort waren eine sehr schöne Zeit. Wenn man als Kind in eine andere Kultur kommt und dort über einen solchen Zeitraum wohnt, lernt man auch sehr viel. Ich habe fast das ganze Land gesehen und bin auch immer mal wieder zum Urlaub dort gewesen – auch wenn das letzte Mal nun zwei bis drei Jahre her ist. Aber ich werde sicherlich mit meiner eigenen Familie nochmal dorthin reisen.

Arabisch gehört aber nicht zu deinem großen Sprachhorizont, oder? 

Sebastiaan: Doch, ich konnte ein wenig Arabisch. Aber wenn man eine Sprache längere Zeit nicht spricht, verflüchtigt die sich schnell. Aber bis zehn zählen kann ich noch, ebenso kenne ich noch einige Farben (lacht).

Du bist generell sehr sprachenaffin und beherrscht mehrere Sprachen (Französisch, Flämisch, Deutsch, Englisch). In einem früheren Interview gabst du an, dein nächstes Ziel sei, Spanisch zu lernen…

Sebastiaan: Ja, ich bin tatsächlich gerade dabei und habe in dieser Woche zusammen mit meiner Freundin meine vierte Unterrichtsstunde. Zuhause üben wir dann gemeinsam auch den einen oder anderen Satz. Natürlich kann ich die Sprache noch nicht, aber die Basics sind da.

Bei der WM in Katar trifft Belgien neben Marokko in seiner Gruppe auch noch auf Kroatien und Kanada. Wie siehst du deine Chancen, dabei zu sein und die Titelchancen der Roten Teufel?

Sebastiaan: Natürlich hoffe ich darauf, dabei zu sein, fokussiere mich aber aktuell nur auf den VfL Wolfsburg und denke hier von Spiel zu Spiel. Dann werden wir sehen, was passiert. Wenn es hier gut läuft, glaube ich auch an eine realistische Chance in der Nationalmannschaft. Aber natürlich muss das dann der Nationaltrainer entscheiden. Es ist schwer zu prognostizieren, wie Belgien bei der WM abschneiden wird. Wir sind keine schlechte Mannschaft, aber es sind eben auch andere gute Teams dabei. Eine WM ist immer speziell, ein guter Start in das Turnier wäre sicherlich wichtig, um darauf aufzubauen.

Bei deiner vorherigen Bundesliga-Station Köln warst du ziemlich torgefährlich für einen Innenverteidiger (sieben Tore in 52 Einsätzen). Für die Wölfe steht erst ein Treffer bei 39 Einsätzen in deiner Statistik (im Februar beim 2:2 in Gladbach). Gibt es da eine Erklärung?

Sebastiaan: Nicht wirklich. Aber meiner Meinung nach ist das zu wenig für mich. Ich muss verstärkt daran arbeiten, die frühere Quote wieder zu erreichen. Bei meiner Größe und Sprungkraft sollten mehr Tore herausspringen.

An einen Treffer erinnerst du dich sicher besonders gerne. Mit dem 1:0 am letzten Spieltag der Saison 2020/2021 gegen Schalke hast du für die Geißböcke den direkten Abstieg verhindert, ihr habt euch dann gegen Holstein Kiel in der Relegation durchgesetzt. Damit hast du sicher beim „Effzeh“ Legendenstatus erreicht. Hast du noch viel Kontakt nach Köln? 

Sebastiaan: Der Kontakt zu einigen ehemaligen Mitspielern oder Teilen des Trainerstabs ist immer noch sehr gut. Köln ist natürlich auch nicht so weit entfernt von meiner Heimat Belgien. Ich habe dort zwei sehr schöne Jahre gehabt, ich mag die Stadt und den Verein.

Du wirst manchmal mit deinem Landsmann, dem ehemaligen Bayern-Innenverteidiger Daniel van Buyten, verglichen, der auch dein Berater ist. Was kannst du dir von ihm noch abschauen?

Sebastiaan: Man muss sagen, dass er natürlich noch torgefährlicher gewesen ist. Und er war physisch noch ein Stück größer und stärker als ich. Ich bin dafür hoffentlich ein bisschen schneller als er. Ich konnte mir natürlich viel abschauen von ihm. Wenn du acht Jahre bei Bayern gespielt hast, bist du einfach ein Top-Verteidiger.

Du bist in dieser Saison statistisch der beste Luftzweikämpfer der Liga (81 Prozent gewonnene Duelle). Wo liegen ansonsten deine Stärken, wo deine Schwächen?

Sebastiaan: Ich habe mich durch meine Zeit hier beim VfL auf jeden Fall schon weiterentwickelt. Ich finde aber, dass sich ein Verteidiger immer verbessern kann, wenn es darum geht, in schwierigen Spielsituationen schnelle, aber vor allem richtige Entscheidungen zu treffen. Das gilt auch für mich. Und obwohl ich es generell durchaus schon bewiesen habe, muss ich wie gesagt mehr Tore schießen. Das ist einfach so. Was meine Stärken angeht, glaube ich, dass ich in der Luft gut bin – sowohl defensiv als auch offensiv. Und ich mag es natürlich, in die Zweikämpfe zu gehen.

Du bist seit dieser Saison Teil des gewählten VfL-Mannschaftsrates. Wie wichtig ist dir diese Anerkennung durch die Mannschaftskollegen?

Sebastiaan: Natürlich ist es immer eine Ehre, von den Mannschaftskollegen ausgewählt zu werden. Darüber habe ich mich gefreut. Aber wenn ich nicht im Mannschaftsrat wäre, wäre ich immer noch Sebastiaan. Ich würde immer noch den gleichen Job machen und versuchen, jedem Mitspieler zu helfen. Und ich würde auch dann meine Meinung sagen.

Bei den Wölfen gibt es einen engen Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung. Ihr seid drei junge Spieler und die sportliche Leitung hat zuletzt moniert, dass ihr zu viele einfache Gegentore kassiert. Wie beurteilst du die derzeitige Situation?

Sebastiaan: 19 Gegentore in elf Spielen sind ein bisschen zu viel – dafür ist natürlich die Abwehr verantwortlich, aber eben auch die gesamte Mannschaft. Wir können das im Verbund sicherlich besser. Ich glaube, dass der Konkurrenzkampf hier durchaus gut ist, weil wir uns gegenseitig pushen können, besser zu werden. Das Gute ist, dass ich sowohl mit Maxence als auch mit Micky, die ja auch fast im gleichen Alter sind wie ich, sehr gut auskomme. Mit Maxence kann ich Französisch reden, mit Micky Holländisch. Ich habe zu beiden ein sehr gutes Verhältnis.

Du selbst bewegst dich zurzeit immer wieder zwischen Startelf und Bankplatz. Wie zufrieden bist du mit deiner persönlichen Bilanz bzw. deinen Saisonleistungen?

Sebastiaan: Ich habe in dieser Saison gut angefangen, bin dann aber aus der Startelf rausgerutscht. Ich möchte natürlich wie jeder Spieler gerne auf dem Platz stehen und bin nicht zufrieden, wenn es nicht so ist. Aber dann versuche ich eben, hart zu arbeiten, um zurückzukommen und der Mannschaft zu helfen. 

Ihr seid nun immerhin fünf Pflichtspiele ungeschlagen, kommt tabellarisch aber nicht richtig von der Stelle. Wie wichtig wäre nun ein Dreier gegen den kommenden Gegner VfL Bochum?

Sebastiaan: Natürlich sehr wichtig! Man muss aber auch sagen, dass Bochum das zuletzt gegen den Tabellenersten Union ziemlich gut gemacht hat. Allerdings gehen wir in jedes Bundesliga-Spiel, um es zu gewinnen. Ob gegen den Ersten oder den Letzten: Wir müssen mit der gleichen Einstellung antreten und versuchen, die drei Punkte mitzunehmen. Das wird am Samstag nicht anders sein.

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