16.08.2020
Geschichte

Für zwei Tafeln Schokolade

VfL-Dribbler Gerhard Schrader wurde bei einem Jux-Spiel mit einer Zeltauswahl entdeckt.

Für die Mitspieler von damals heißt er nach wie vor „Fichte“. Dabei hat sein Spitzname nicht einmal etwas mit Fußball zu tun. „Das stammt noch aus der Generation meines Vaters. In Vorsfelde hat es damals mehrere Schraders gegeben, und um die besser auseinanderzuhalten, hat man ihnen einfach Beinamen gegeben“, erklärt Gerhard Schrader. „Einer hat mit Holz gearbeitet, ein anderer Fisch verkauft. Deshalb wurden sie ‚Holz-Schrader‘ und ‚Fisch-Schrader‘ genannt. Und bei uns vorm Haus stand eine sehr große Fichte.“ Zum Fußballer Schrader, wie er selbst eingesteht, passte der Kosename weniger gut. Denn eher als ein baumlanges Kopfballtier war er ein Wuseler, ein dribbelstarker Halbstürmer, der das Spiel organisierte und auch fürs Toreschießen zuständig war. In den späten 50er Jahren war der heute 73-Jährige im VfL-Team ein Riesentalent.

Von den Großen gelernt

Vier Jahre schnürte er insgesamt für den VfL die Stiefel. Von seinem Heimatverein SSV Vorsfelde, den er später noch lange trainierte, stieß er 1957 zu den Grün-Weißen und fing in der so genannten Sonderjugend an. Schrader war gerade erst 18, als er schon regelmäßig im ersten Team zwischen VfL-Recken wie Günter Leich und Hannes Kircher mitmischen durfte. So kam er sogar noch zu Einsätzen in der Oberliga Nord. Den Neuaufbau nach dem Abstieg aus der Erstklassigkeit 1959 prägte Schrader maßgeblich mit, brachte es trotz seiner jungen Jahre fast zum Torschützenkönig. Und war dabei, als in einem unvergessenen Freundschaftsspiel Weltstar Pele am Elsterweg gastierte. „Anschließend haben beide Teams noch gemeinsam im Ratskeller gesessen, Pele nicht weit von mir entfernt. Das war schon sehr besonders“, schwärmt Schrader, dessen Talent sich seinerzeit sehr bald herumsprach. Gemeinsam mit Mitspieler Klaus Gerwien wechselte er 1961 zu Eintracht Braunschweig. Vier Jahre später ging es von dort weiter zum VfV Hildesheim.

Stammplatz auch im Werk

Dem niedersächsischen Raum blieb Schrader nicht zufällig treu, noch wichtiger nämlich als der Fußball war ihm seine Arbeit im Werk. „Ich bin auch nach meiner VfL-Zeit immer gependelt, da war ich mitunter 13 oder 14 Stunden von zu Hause weg. Meine Frau hatte es also nicht immer einfach mit mir.“ Die sichere Anstellung aber war ihm alle Mühen wert. Als Lehrling zum Werkzeugmacher fing er bei Volkswagen an, anschließend arbeitete er lange Jahre im Schnittbau, stellte beispielsweise Radscheiben oder auch Längsträger her. An so gut wie allen Volkswagen Modellen wirkte Schrader auf diese Weise mit. Als er 1995 in den Vorruhestand ging, blickte er auf ein erfülltes Berufsleben zurück. „Das war genau das richtige Handwerk für mich. Die Arbeit bei Volkswagen hat mir immer Freude gemacht.“

Treffsicher im besten Moment

Auch über seine Jahre im VfL-Trikot spricht Schrader durchweg positiv. Von der heutigen Spielstätte der Wölfe wohnt er einen Steinwurf entfernt, viele Kontakte von damals sind ihm erhalten. Und wenn er eine Geschichte gern erzählt, dann die von jenem Tag, als er das erste Mal mit dem VfL in Berührung gekommen ist. Es war 1955, Volkswagen hatte ein Zeltlager im Harz organisiert. Mit seiner „Zeltauswahl“ spielte Lehrling Schrader gegen ein örtliches Team und traf beim 8:0-Kantersieg sieben Mal ins Netz. Seine anschließende Begegnung mit Hugo Dreyer, Personalchef bei Volkswagen, wird Gerhard Schrader niemals vergessen. „Er gab jedem eine Tafel Schokolade. Nur mir nicht, ich bekam zwei – und zwar verbunden mit dem Hinweis, dass wir uns dafür aber beim VfL wiedersehen würden“, lacht er. „Für zwei Tafeln Schokolade bin ich also zum VfL Wolfsburg gewechselt.“

Veröffentlicht in „Unter Wölfen“ am 31. August 2013.  

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