Akademie

„Einfach Verantwortung übernehmen“

Wie U19-Neuzugang Miguel Boog auf dem Platz dirigiert – und abseits davon Hoffnung schenkt.

Miguel Boog ist einer von drei externen Neuzugängen in der U19 der VfL-Akademie. „Migo“, wie ihn die meisten nennen, kam von RB Leipzig – und ist einer, der Verantwortung nicht scheut, sondern sucht. Auf dem Platz dirigiert er mit Klarheit und Konsequenz, daneben ist er ein Macher mit Herz.

„Sonst kann ich mir was anhören“

Wenige Wochen ist der Wechsel erst her, als wir mit ihm sprechen. Es wirkt, als sei der Schritt nach Wolfsburg auch ein Schritt in die Eigenständigkeit. Zum ersten Mal in seinem Leben hat Migo eine eigene Wohnung. „Das bekommt man hin, ist gar nicht so schwer“, sagt er – gekocht wird ohnehin nicht viel. „In der Akademie gibt's gutes Essen, ich muss also nur aufräumen und putzen, aber selbst das fällt nach einem harten Trainingstag noch schwer.“ Was passiert, wenn seine Mutter zu Besuch kommt? Boog lacht. „Dann wird natürlich aufgeräumt. Sonst kann ich mir was anhören.“ Nach einem herausfordernden Jahr in Leipzig mit vielen Verletzungen sehnte sich der Deutsch-Kameruner nach einem Tapetenwechsel. „Neues Umfeld, neue Herausforderungen, mehr Verantwortung. Und Wolfsburg hat mir die Perspektive für einen Neustart gegeben.“ Und dieser fiel ihm gar nicht mal so schwer: „Ich wurde von allen super aufgenommen. Einige Jungs kannte ich schon von den Nationalmannschaften oder als Gegner.“

Straßenfußball und der gefeierte Held 

Geboren in Jaunde, Kameruns Hauptstadt, wuchs Boog bis zum fünften Lebensjahr dort auf. Erst dann ging es mit seiner Mutter nach Deutschland. Die Straßen Kameruns spielen für ihn noch heute eine große Rolle. „Die Menschen in meiner Heimat sind genauso verrückt nach Fußball wie in Deutschland. Nur ist es eine andere Kultur – Straßenfußball eben. Dort spielt man auf Beton, auf engen Plätzen, ohne Leibchen und Linien. Es ging immer darum, sich durchzusetzen.“ Sein Kindheitsidol? Ganz klar: „Samuel Eto’o. Er ist bei uns bekannter als der Präsident. Er ist einfach ein Held.“ Selbst wollte Boog früher Stürmer werden, „Leute ausdribbeln, Tore schießen“, erzählt er grinsend. Dass es ihn irgendwann in die Innenverteidigung verschlagen hat, sieht er als Glücksfall. Denn dort, wo es hart wird, fühlt sich der 17-Jährige zu Hause.

„Du bist in meiner Zone“

Boog ist nämlich keiner, der sich versteckt. „Ich will jedem Stürmer sofort klarmachen: Du bist in meiner Zone. Und hier bestimme ich.“ Er liebt die Intensität, aber auch das Spiel mit dem Ball. „Ein Innenverteidiger, der in der heutigen Zeit nichts mit dem Ball anfangen kann, hat verloren.“ Sergio Ramos, Virgil van Dijk und Paolo Maldini sind seine defensiven Vorbilder – aber auch Willi Orban und Castello Lukeba, mit dem er in Leipzig einen engen Austausch pflegte. „Er hat mir viel beigebracht. Er lebt von seinem ersten Kontakt, seiner Technik – das hat mich inspiriert.“ Für die Roten Bullen lief Boog sogar fünfmal in der Youth League auf, unter anderem gegen Real Madrid, Inter Mailand und den FC Liverpool. „Brutal, das mitzuerleben. Du siehst die Anlagen, die Spieler – das ist die Weltspitze.“ Er spielte zum Beispiel gegen Gonzalo, der aktuell mit den Königlichen bei der Klub-WM unterwegs ist. „Genau da willst du hin.“

Führungsfigur mit Turbo

Führungsqualität ist eine seiner größten Stärken. „Schon früher musste ich mich oft gegen Ältere durchsetzen. Da bekommst du nichts geschenkt.“ Heute gehört Boog zum Altjahrgang der A-Junioren, und will entsprechend viel Verantwortung übernehmen. „Ich sage dann auch mal: Nein, das machen wir nicht so. Mir ist aber wichtig, dass wir als Mannschaft zusammenhalten.“ Diese Haltung blieb nicht unbemerkt. 2023 wurde er mit dem „Porsche Turbo Award“ für soziales Engagement ausgezeichnet. Der Grund: Seine Art, Mitspieler zu integrieren, besonders jene, die sprachlich oder kulturell noch fremdeln. „Ich weiß, wie es ist, irgendwo neu zu sein – wenn sich niemand kümmert. Deshalb nehme ich die Jungs an die Hand und zeige ihnen: Du bist hier willkommen.“

Für eine bessere Zukunft

Boogs Engagement endet nicht an der Kabinentür. Im Dezember reist er fast jedes Jahr mit seiner Mutter nach Kamerun. „Ich versuche immer, so gut ich kann zu helfen und einfach Verantwortung zu übernehmen. Beim ersten Mal war ich in einem Waisenhaus. Jetzt möchte ich ein Heim für Kinder mit Behinderung besuchen. Sie sollen wissen, dass sie dazugehören.“ Sein langfristiges Ziel: Krankenhäuser bauen, Schulbildung stärken – und Menschlichkeit vermitteln. „Nicht jeder hat das Glück, das wir hier haben. Ich versuche, jedem Tag eine Bedeutung zu geben.“ Unterstützt wird er dabei von Freunden, Mitspielern – und Profis wie Xavi Simons, der Botschafter für UNICEF in den Niederlanden ist. „Er hat mir gesagt: Wenn du Hilfe brauchst – ich bin da.“

Fades und Fails

Abseits des Platzes überrascht Migo. „Ich kann Haare machen“, sagt er trocken. Flechten, Übergänge, Fades. Alles kein Problem. „Wenn dein Friseur im Urlaub ist – du hast meine Nummer.“ In seiner Freizeit probiert er grundsätzlich gerne Neues aus. Beim Trainingslager in Wesendorf hielt er zum ersten Mal einen Tennisschläger in der Hand. Das Fazit? „Ich war so schlecht, dass ich selbst schockiert war.“