Der ehemalige VfL-Wolfsburg-Spieler Giesemann in einem Zweikampf, während eines VfL-Spiels Ende der 50er Jahre.
09.07.2021
Geschichte

Der Hufschmied aus Sülfeld

Über die Bayern zum HSV und in die weltgrößten Stadien: Willi Giesemann war in den 60er Jahren einer der besten Verteidiger Deutschlands. Wo alles anfing? Beim VfL Wolfsburg.

Der ehemalige VfL-Wolfsburg-Spieler Giesemann in einem Zweikampf, während eines VfL-Spiels Ende der 50er Jahre.
Seltene Aufnahme von Giesemann (rechts) im VfL-Trikot Ende der 50er Jahre. Für die Wölfe, seinerzeit Erstligamitglied in der Oberliga Nord, kam er in seinen drei Saisons am oft gut besuchten Elsterweg 57 Mal zum Einsatz.

Eigentlich wären sie sich schon eher begegnet. Im Sommer 1961, Fußball-Wolfsburg war außer Rand und Band, weil der FC Santos mit Weltstar Pele für ein Freundschaftsspiel vorbeikam, sollte auch einer der bis dato bekanntesten Wölfe-Spieler nochmals am Elsterweg einlaufen. Da Willi Giesemann terminlich verhindert war, fiel das Wiedersehen allerdings aus. „Das war schade, denn Wolfsburg war immer ein besonderer Ort für mich und ist es bis heute“, sagt Giesemann, dessen beachtliche Fußballkarriere bei den Grün-Weißen erst in Fahrt gekommen war. Von 1956 bis 1959 bestritt er im VfL-Trikot 57 Spiele in der Oberliga Nord. Nach dem Abstieg der Grün-Weißen aus der Erstklassigkeit war völlig klar: Der Verteidiger ist nicht zu halten. Als erster Spieler der VfL-Geschichte wechselte er – gemeinsam mit Siegfried Tietz – auf direktem Weg zum FC Bayern.

Den Vater ins Werk geholt

Zu den Bayern? Die hatten doch längst nicht die heutige Strahlkraft. „Ich hätte auch im Norden bleiben können“, erklärt Giesemann. „Aber die Südoberliga war stärker, außerdem wollte ich meinen Freund Siggi begleiten.“ Indirekt war Volkswagen am Transfer beteiligt. Roland Endler, Präsident des FC Bayern, lieferte mit der Firma Schweißelektronik ins Werk. Diese Kontakte nutzte er, um das VfL-Duo nach München zu lotsen. Giesemann arbeitete zu dieser Zeit im Versuchsbau. Im Alltag protokollierte er, ob die Einzelteile beim VW-Käfer anständig eingebaut wurden. „Ich habe zum Beispiel Türschlösser und –griffe kontrolliert, manchmal war ich auch auf der Teststrecke draußen“, so der 81-Jährige, der als ausgelernter Schmied und Hufschmied 1956 bei Volkswagen anfing. „Eigentlich hatte ich die Schmiede meines Vaters übernehmen sollen. Stattdessen habe ich ihn selbst am Ende noch im Werk untergebracht. Uns beiden gefiel die Arbeit dort außerordentlich gut.“

Helmut Schön am Elsterweg

Giesemann war ein Kind der Region. Aus seinem Geburtsort Rühme zog die Familie nach Sülfeld, wo der örtliche TSV, sein erster Fußballverein, schnell zu klein für ihn wurde. Ludwig „Pipin“ Lachner, Trainer der Wölfe, konnte sich glücklich schätzen, das Großtalent an Land zu ziehen. Denn auch andere Erstligisten waren schon dran. „Mit Braunschweig war ich schon klar. Der Wechsel platzte aber, weil ich im Probetraining zu hart zur Sache gegangen war“, lacht Giesemann, dessen Vater für den Wechsel nach Wolfsburg zustimmen musste. „Ich war ja noch nicht volljährig.“ In der Zweiten ging es los, doch blieb der VfL-Unterbau nur eine von vielen Durchgangsstationen. Der Wölfe-Truppe, die sich seit dem Aufstieg 1954 wacker gegen den Abstieg stemmte, gab er als Abräumer zwischen Kumpel Tietz und Walter Richter drei Jahre lang ein Gesicht – und empfahl sich bereits zu dieser Zeit für Höheres. Beim 2:0-Heimsieg über Altona 93 im September 1958 beispielsweise saß auf der Tribüne im VfL-Stadion Sepp Herbergers Assistent Helmut Schön.

Willi Gießmann heute.

Schienbeinbruch wegen Pele

So wurde aus Giesemann der erste große VfL-Fußball-Export. Auf 113 Partien kam er nach seinem Abschied von den Wölfen in der Oberliga Süd, schaffte es – als einziger Bayern-Spieler – sogar ins Aufgebot für die WM 1962 in Chile, ehe er ein Jahr später zum HSV wechselte. Denn für die 1963 startende Bundesliga waren die Bayern nicht qualifiziert. Dass er für die Hanseaten nicht mehr als 104 Erstligaspiele bestritt, lag an einer verkorksten Meniskus-Operation, von der sich Giesemann nie mehr erholte. 1969 trat „Tille“, wie er seit der Schulzeit genannt wird, im Trikot von Barmbek-Uhlenhorst von der Fußballbühne ab. Eng verbunden ist sein Name bis heute auch mit dem Namen Pele. In seinem berühmt gewordenen 14. A-Länderspiel, zugleich seinem letzten, spielte Giesemann auf dem Höhepunkt seines Schaffens im Sommer 1965 mit der DFB-Elf vor 143.000 (!) Zuschauern im Estadio de Maracana. Und niemand sonst als Brasiliens Superstar brach dem Verteidiger dabei das Bein. „Es war aber nicht das einzige Mal, dass wir uns begegnet sind“, lächelt Giesemann. „Wir haben die Sache mittlerweile geklärt.“

Veröffentlicht in „Unter Wölfen Magazin“ im November 2018.


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