Männer

Der doppelte Pionier

Grün-weiße Exoten – Teil 3: der Chilene Waldo Ponce.

Rund 300 Profis aus mehr als 50 Nationen haben in der Bundesliga bisher das Wölfe-Trikot getragen. Darunter sind auch einige Spieler, die losgelöst von ihrer sportlichen Rolle schon deshalb aus der Reihe fielen, weil sie die ersten und/oder einzigen VfL-Vertreter ihrer Nation geblieben sind. Diesen grün-weißen Exoten soll in unregelmäßigen Abständen an dieser Stelle nachgespürt werden. Heute im Fokus: der einzige Wolf aus Chile.

Der Rummel war noch riesiger als ohnehin gedacht: Mehr als 60 Medienvertreter drängelten sich im Presseraum, um den Mann aus Südamerika in Augenschein zu nehmen. Als der kleine Dribbler anschließend den Rasen betrat, bejubelten 500 Fans sein erstes Training. Eine Euphorie wie um den Argentinier Andres D’Alessandro im Sommer 2003 hatte man bei den Wölfen zuvor selten erlebt. „Vor allem mit ihm bringt man den VfL Wolfsburg in meiner Heimat in Verbindung“, sagt Waldo Ponce, der wenig später – mit weit leiserer Begleitmusik – als Leihspieler vom chilenischen Spitzenklub CF Universidad de Chile ebenfalls im Allerpark als Neuzugang vorgestellt wurde. „Für mich ist damals ein Traum in Erfüllung gegangen. Seit meiner Kindheit hatte ich mir die Chance gewünscht, in Europa zu spielen.“

Erster Chilene der Bundesliga

Ponce, 20 Jahre alt zu dieser Zeit, wurde damit nicht nur im VfL-Trikot zum Pionier, sondern sogar landesweit. „Es hatte schon Chilenen im deutschen Fußball gegeben, aber nicht in der Bundesliga. In meiner Heimat hat mein Transfer deshalb für Aufsehen gesorgt“, erinnert er sich. Zu den Wölfen stieß der Verteidiger in einer Phase der Aufbruchstimmung beim VfL. Zum ersten Mal überhaupt hatte Grün-Weiß das Saisonziel Europapokal offensiv kommuniziert und startete dieses mutige Unterfangen mit einem spannenden Team. Fernando Baiano, ebenfalls neu gekommen, Diego Klimowicz, Martin Petrov und dazu D’Alessandro – der bulgarisch-südamerikanische Angriffswirbel stand für Spektakel. Eine Woche vor Ponces Debütspiel beim 1. FC Köln hatte Grün-Weiß gerade die Bayern zum ersten Mal besiegt.

Zwischen Spaßfußball und Wackelabwehr

Begeisternder Offensivfußball blieb aber nicht die einzige Visitenkarte der Jürgen-Röber-Elf. Denn ein anhaltendes Problem war die durchlässige Defensive, die auch Ponce nicht zu stabilisieren vermochte. An guten Tagen konnte es Grün-Weiß mit jedem Kaliber aufnehmen, riss sich durch teils derbe Niederlagen aber immer wieder selbst alles ein. Zwischen diesen Extremen fanden die Wölfe, die bis zum 32. Spieltag nur ein einziges Unentschieden (!) fabrizierten, keine Mitte. Als im letzten Saisondrittel gar der Abstiegskampf drohte, übernahm Eric Gerets für Röber und führte den VfL in jenes Mittelfeld zurück, aus dem man eigentlich hatte aufbrechen wollen. Und Ponce? Für den lief es unter beiden Trainern nicht gerade rund. Gerade 112 Pflichtspielminuten, verteilt auf fünf Kurzeinsätze in der Bundesliga und einen im DFB-Pokal, kamen für ihn zusammen. In die Startelf schaffte er es nie. „Es hat lange gedauert, bis ich mich an die Spielweise gewöhnt hatte“, berichtet er. „Konkrete Erinnerungen habe ich aber nur noch an mein erstes Spiel in Köln.“

Sprachbarriere zu hoch

Dass sich für beide Seiten nicht erfüllte, was man sich versprochen hatte, schiebt der 42-Jährige vor allem auf die Sprache. „Das war die größte Schwierigkeit. Die Kälte hat mir aber auch zu schaffen gemacht, die war ich überhaupt nicht gewohnt“, berichtet Ponce und lacht: „Wobei ich sagen muss: Den Schnee habe ich sogar genossen!“ Mit dem Trainer übrigens kam der Abwehrspieler seiner Erinnerung nach bestens zurecht. „Auch wenn die Kommunikation etwas schwierig war, haben mir Jürgen Röber und sein Assistent sehr bei der Eingewöhnung geholfen. Ich würde sogar sagen, dass sie wichtige Menschen für meine Karriere gewesen sind.“ Den engsten Draht aber pflegte der Südamerikaner naheliegenderweise zu Kollegen, mit denen er sich auch verständigen konnte. „Mit Diego Klimowicz habe ich viel Zeit verbracht, er war mir eine große Stütze. Aber auch zu Andres D'Alessandro, Juan Carlos Menseguez, Pablo Quatrocchi und Fernando Baiano hatte ich ein gutes Verhältnis.“

Als Radio-Kommentator aktiv

Nach der Saison kehrte der Leihwolf, was sich früh abgezeichnet hatte, zu seinem Stammklub zurück. Es folgten etliche weitere Kurz-Stationen in Mexiko, Argentinien, Spanien und vor allem Chile, ehe Ponce, der 42 A-Länderspiele bestritt und 2010 in Südafrika in Chiles WM-Kader stand, 2017 seine Laufbahn beendete. Inzwischen hat er die Seiten gewechselt und arbeitet als Kommentator einer Sportsendung beim chilenischen Sender „Radio Futuro“. Über den VfL spricht er, obwohl er bei den Wölfen nie Fuß fassen konnte, ausgesprochen positiv: „Wolfsburg war eine wunderbare Erfahrung, ich wäre wirklich gern noch länger geblieben. Dass er mir die Türen geöffnet hat, um meinen Traum zu verwirklichen, dafür werde ich dem Klub immer dankbar sein“, bilanziert Waldo Ponce, der nach wie vor im Austausch mit Menseguez und Klimowicz ist. „Zu D’Alessandro und hatte ich ebenfalls mal Kontakt. Er hat zwischendurch ein Spiel in Chile bestritten. Das war eine prima Gelegenheit, ihn wiederzusehen.“

Teil 1: der Schotte Brian O‘Neil

Teil 2: der Georgier Levan Tskitishvili