02.12.2020
Geschichte

Den Schuhen hinterher

„Julli“ Herrmann spielte für den VfL in der Oberliga Nord. Sein großes Plus war seine Schnelligkeit.

Mannschaftsbild der VfL-Sonderjugend um 1957. Heinz Herrmann steht ganz rechts.

Zum Einstand gleich ein halbes Dutzend. Mit 8:0 fegte im Herbst 1948 die fünfte VfL-Schülermannschaft die eigene vierte Vertretung vom Platz. Vor allem dank eines Achtjährigen, den vorher überhaupt niemand kannte. „Sechs Tore in meinem allerersten Spiel – damit kam ich natürlich gut an“, erinnert sich Heinz Herrmann und lacht. „Eine Woche später spielte ich bereits in der Vierten.“ Für den heute 74-Jährigen ging es beim VfL Wolfsburg noch wesentlich höher hinaus. Über sämtliche Nachwuchsteams diente er sich bis zur ersten Sonderjugend hinauf, vergleichbar mit den heutigen A-Junioren. Darüber kam nur noch die erste Herrenmannschaft – zu dieser Zeit aktiv in der berühmten Oberliga Nord. „Fünf oder sechs Spiele durfte ich dort noch bestreiten, das war schon toll.“

Echter Straßenfußballer

Heinz Herrmann kennt das heutige Wolfsburg noch aus den Jahren des Wiederaufbaus. Als Säugling war er mit der Mutter 1940 in die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gekommen; der Vater arbeitete schon bei Volkswagen zu dieser Zeit. Mit sechs Jahren begann der Junior, gebürtig aus dem schlesischen Dorf Wäldchen, dann beim gerade erst gegründeten VfL Wolfsburg zu turnen. „Das fand noch auf dem Werksgelände statt. Genau gesagt in Sektor 14“, sagt Herrmann, der beim Bolzen auf der Straße bald darauf nicht nur seine eigentliche Leidenschaft entdeckte. Sondern auch einen Spitznamen verpasst bekam, den er nie wieder loswerden sollte. „Wenn mein Kumpel Klaus Peter, der später ein großer Spieler bei Eintracht Braunschweig wurde, mich abholte, dann rief er mich immer ‚Julli‘. Ich hab nie verstanden, was das bedeutet. Aber so nennt man mich auch heute noch.“

Debüt in der Seestadt

Es muss irgendwann 1958 gewesen sein, als Hermanns große Stunde schlug. Imre Farkaszinski zog den pfeilschnellen Linksaußen hoch ins Training der Ersten, um ihn bald darauf schon ins kalte Wasser zu werfen. „Ein Auswärtsspiel in Bremerhaven, das vergesse ich nie. Mit Größen wie Walter Richter, Siggi Tietz und Willi Giesemann in einer Mannschaft zu spielen, war eine sehr große und aufregende Geschichte für mich.“

Über 40 Jahre im Werk

Auch beruflich hatte Herrmann zu dieser Zeit schon einen Fuß in der Tür. Seit 1955 absolvierte er eine Lehre als Modelltischler im Werk. Anfang der 60er, den VfL hatte er da bereits wieder verlassen, wechselte er in die Forschung und Entwicklung, wo man gerade mit Kunststoffen zu hantieren begann. Dort, im Kunststoffwerkzeugbau, machte Herrmann dann auch seinen Meister und hatte bis zu seinem Vorruhestand 1996 an der Entwicklung etlicher Modelle wie dem Golf, dem Beetle, dem T4 oder dem Passat sein Anteil. „Meine Zeit im Werk war einfach super. Von allem, was ich bei Volkswagen erlebt habe, möchte ich keine Minute missen.“

Gefoppt vom Zimmerkollegen

Im Team der Grün-Weißen hätte Herrmann gern noch länger gewirkt. Der Neuaufbau der Mannschaft, die bald von Georg Reichert trainiert wurde, fand nach dem Abstieg aus der höchsten Spielklasse 1959 allerdings ohne ihn statt. Was blieb, sind tolle Erinnerungen wie an das Training unter den VfL-Stars am damals noch nagelneuen Elsterweg. Oder an eine sehr besondere Begegnung mit besagtem Giesemann, drei Jahre später deutscher Nationalverteidiger bei der Weltmeisterschaft in Chile, als Heinz Herrmann auch außerhalb des Rasens seine Schnelligkeit einmal zugutekam. „Vorm Spiel gegen Phönix Lübeck lagen wir zusammen auf einem Zimmer. Lange nach Zapfenstreich riss er plötzlich das Fenster auf und schmiss einfach meine Schuhe raus“, lacht Herrmann. „Da musste ich also ganz schnell runterflitzen, um sie wiederzuholen. Zum Glück hat mich aber keiner erwischt.“

Veröffentlicht in „Unter Wölfen“ am 22. Februar 2015.


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