Was versteht man im Profifußball eigentlich genau unter Spielanalyse?
Robin: Für eine Gegneranalyse schauen wir uns in der Regel mehrere Spiele eines Teams an, meistens vier oder fünf. Diese Spiele schneide ich in einzelne Sequenzen, also kleine Szenen, die verschiedene Spielphasen zeigen. Dabei orientiere ich mich an den Prinzipien unseres Trainerteams. Wir überlegen, wie wir gegen diesen Gegner spielen wollen und welche Situationen für uns wichtig sind. Aus mehreren Spielen entstehen dann oft über hundert Szenen zu bestimmten Spielphasen. Meine Aufgabe ist es dann, diese Vielzahl an Szenen auf ein Minimum zu reduzieren. Am Ende bleiben vielleicht fünf besonders aussagekräftige Sequenzen übrig, die den Gegner am besten charakterisieren. Diese bespreche ich anschließend gemeinsam mit Co-Trainer Philipp Arnold im Detail, bevor wir sie dem Cheftrainer vorstellen und daraus gemeinsam den Matchplan entwickeln.
Wie arbeitet ihr bei Standardsituationen zusammen?
Robin: Standards bereite ich gemeinsam mit unserem Torwarttrainer Marcel Schulz vor. Ich stelle ihm die entsprechenden Analysen und Statistiken zusammen, zum Beispiel wer bei Standards die Schützinnen sind oder welche Spielerinnen häufig als Zielspielerinnen agieren. Dabei schauen wir uns Ecken, Freistöße oder auch Einwürfe im letzten Drittel an und analysieren, was für den Gegner typisch ist. Marcel bringt seine Perspektive ein, besonders mit Blick auf die Torhüterinnen. Am Ende entscheiden wir gemeinsam, welche Szenen für die Mannschaft am relevantesten sind.
Wie läuft die Analyse während eines Spiels ab?
Robin: Am Spieltag sitze ich meist auf einer erhöhten Position im Stadion und nicht auf der Trainerbank. Von dort habe ich das Live-Bild und analysiere das Spiel gemeinsam mit dem Trainerteam. Wir stehen über Headsets ständig mit dem Co-Trainer und dem Torwarttrainer in Kontakt. Gleichzeitig schneiden wir während des Spiels schon Szenen mit und bereiten zum Beispiel zwei oder drei wichtige Sequenzen für die Halbzeit vor. Es ist also ein ständiger Austausch. Wenn wir bestimmte Dinge erkennen, besprechen wir sie direkt im Trainerteam und können gegebenenfalls Anpassungen vornehmen.
Hat sich der Analysebereich im Frauenfußball in den vergangenen Jahren verändert?
Robin: Auf jeden Fall. Gerade in den letzten zehn Jahren ist dieser Bereich enorm gewachsen. Es gibt immer mehr technische Möglichkeiten und neue Einflüsse. Ein großer Faktor sind zum Beispiel Datenanalysen. Man unterscheidet zwischen qualitativer Analyse, also Video- und Spielszenen, und quantitativer Analyse mit statistischen Daten. Heute bekommt man sehr viele Daten, und eine wichtige Aufgabe ist es, daraus die wirklich relevanten Informationen herauszufiltern. Am Ende geht es darum, Daten und Bilder miteinander abzugleichen und daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die man auf dem Trainingsplatz umsetzen kann.
Kannst du ein Fußballspiel eigentlich noch ganz normal verfolgen? Oder läuft im Kopf immer schon die Analyse mit?
Robin: Ganz normal schauen wie früher ist tatsächlich schwierig. Man achtet automatisch darauf, was die eine Mannschaft macht und wie die andere reagiert. Dieses analytische Auge ist eigentlich immer dabei. Man schaut viel stärker auf taktische Abläufe und Bewegungen im Spiel.
Was unterschätzen Außenstehende an deinem Beruf am meisten?
Robin: Vielleicht den Zeitaufwand. Viele sehen nur das Spiel, aber nicht die vielen Stunden Vorbereitung, die davor und danach passieren. Gerade in Phasen wie der Länderspielpause versuchen wir sehr viel vorzuarbeiten. Wenn mehrere Spiele in kurzer Zeit anstehen, bereiten wir die Gegneranalysen möglichst weit im Voraus vor. So haben wir später mehr Zeit für die Nachanalyse unserer eigenen Spiele. Für mich persönlich ist dieser Job etwas Besonderes. Ich habe selbst als Kind im Leistungsbereich Fußball gespielt und bin später in diesen Bereich gewechselt. Heute im Profifußball arbeiten zu dürfen und Teil eines Teams zu sein, ist etwas, wofür ich sehr dankbar bin. Ich mache diesen Job mit großer Leidenschaft und viel Herzblut. Auch wenn die Tage manchmal lang sind, macht man das gerne, wenn man liebt, was man tut.