Joakim Maehle über seinen Verbleib beim VfL, den wohl schwersten Moment seiner Karriere und die besondere Kraft seiner Heimat.
Joakim Maehle bleibt ein Wolf. Auch, weil er mit dem VfL etwas geraderücken will, das ihn bis heute beschäftigt. Erstmals spricht der dänische Nationalspieler ausführlich über den Abend von Paderborn und die schwierige Zeit danach. Außerdem nimmt er uns mit in seine Heimat Ostervra – und erzählt, warum sein Vater ihn als kleinen Jungen irgendwann ins Tor verbannen musste.
Joakim Maehle, wie hast du nach dem Abstieg auf deine Zukunft beim VfL geblickt?
Joakim Maehle: Natürlich gab es Interesse von anderen Klubs. Aber ich habe weder dem Verein noch meinem Berater zu irgendeinem Zeitpunkt gesagt, dass ich gehen möchte. Ich fühle mich hier sehr wohl, meine Familie ist glücklich, und ich bin sehr stolz darauf, Teil des VfL Wolfsburg zu sein.
Du standest zuletzt dreimal in Folge in der Startelf, alle drei Spiele habt ihr gewonnen. Wie fühlt sich dieser Neustart an?
Joakim: Siege sind das Wichtigste im Fußball und geben immer Selbstvertrauen. Gleichzeitig wissen wir, dass unsere Leistungen noch besser werden können. Da müssen wir ehrlich zu uns selbst sein. In der Sommerpause hat sich viel verändert. Unabhängig von der individuellen Qualität braucht es Zeit, bis man sich richtig kennt – mit all seinen Stärken, aber auch seinen Schwächen.
Was gefällt dir am neuen System von Cheftrainer Tobias Strobl?
Joakim: Der Trainer gibt uns viel Freiheit, verbindet diese Freiheit aber auch mit Verantwortung. Ich fühle mich sehr wohl damit und hoffe vor allem, dass wir jetzt Kontinuität und Stabilität bekommen.
Den Auftakt in der 2. Bundesliga gegen Kaiserslautern hast du wegen deiner Sperre aus dem Relegations-Rückspiel verpasst. Was ist das erste Gefühl, das hochkommt, wenn du an diesen Abend in Paderborn denkst?
Joakim: Es ist ein grausames Gefühl. Ich weiß noch genau, wie ich danach in der Kabine auf und ab gelaufen bin. Gefühlt habe ich dort 20.000 Schritte gemacht. In diesem Moment wollte ich mich eigentlich nur verkriechen und einfach weg sein. Natürlich passieren solche Dinge im Fußball. Aber wenn es ausgerechnet in einem so wichtigen Spiel passiert, trifft es dich besonders. Das war wahrscheinlich der schlimmste Moment meiner bisherigen Karriere und ist etwas, das ich immer mit mir tragen werde.
Irgendwann musst du aber wieder aufstehen und zeigen, was in dir steckt. Das ist auch ein Grund, warum ich weiterhin hier bin. Ich möchte mich der Situation stellen und meinen Teil dazu beitragen, dass wir gemeinsam zurückkommen. Dann kann ich in den Spiegel schauen und sagen: Ich bin geblieben und habe alles dafür getan.
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Wie belastend waren die Tage und Wochen danach für dich und deine Familie?
Joakim: Mit hasserfüllten Nachrichten in den sozialen Medien muss man als Profisportler leider umgehen. Aber sobald die eigene Familie hineingezogen wird, ist eine Grenze überschritten. Wenn sie wegen einer Situation auf dem Fußballplatz plötzlich darüber nachdenken muss, wo sie hingeht oder wem sie begegnet, ist das extrem belastend. Wir haben zu Hause offen darüber gesprochen. Auch der Verein hat uns unterstützt, wofür wir sehr dankbar sind.
Wie schwer war es für dich, überhaupt wieder an Fußball zu denken?
Joakim: Ich war mental wirklich leer. Kurz danach standen noch Länderspiele mit Dänemark an, und ich habe sogar überlegt, ob ich dem Nationaltrainer absagen soll. Ich hatte in dieser Phase keine Lust mehr auf Fußball. Natürlich fühlt es sich leichter an, einen Schritt zurückzugehen. Aber für mich war es wichtig, genau das eben nicht zu tun, sondern zu spielen.
Wie hast du es geschafft, danach wieder etwas Abstand zu bekommen?
Joakim: Die Sommerpause kam für mich zum richtigen Zeitpunkt. Meine Frau und ich sind beide absolute Familienmenschen und hätten ohnehin viel Zeit in der Heimat mit unseren Familien verbracht. Aber gerade in solchen Momenten ist es wichtig, die Familie um sich zu haben. Und nach einer Weile habe ich gemerkt, dass auch der Hunger auf Fußball zurückkam.
Du stammst aus einem kleinen Ort im Norden Dänemarks. Wie würdest du Ostervra jemandem beschreiben, der noch nie dort war?
Joakim: Es ist ein sehr friedlicher Ort. Jeder kennt jeden, es ist ein bisschen wie eine große Familie. Ich verbinde unglaublich viele schöne Erinnerungen damit.
Ein großer Teil deiner Familie lebt heute noch dort. Was machen deine Eltern und Brüder?
Joakim: Meine Mutter arbeitet seit Ewigkeiten bei der örtlichen Bank. Ich glaube, sie feiert dieses Jahr sogar ihr 40-jähriges Jubiläum. Mein großer Bruder arbeitet tatsächlich bei derselben Bank. Mein Vater war Lkw-Fahrer und hat Lebensmittel ausgeliefert, ist inzwischen aber im Ruhestand. Wobei er wahrscheinlich mehr zu tun hat als vorher (lacht). Er kümmert sich um die Kinder meiner Brüder und hilft überall mit, wo etwas anfällt. Und als er aufgehört hat zu arbeiten, hat mein kleiner Bruder seinen Job übernommen.
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Joakim: Eigentlich ist es normal, dass viele junge Menschen Ostervra verlassen und meistens nach Aalborg gehen, um dort eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Manche bleiben anschließend dort, andere kehren zurück – so wie meine Brüder und viele meiner Freunde. Mein kleiner Bruder hat sogar das Nachbarhaus meiner Großeltern gekauft, direkt an einem kleinen See. Wenn wir dort zusammenkommen und die ganze Familie beisammen ist, fühle ich mich am meisten zu Hause.
Gehört der Haarschnitt bei Dorthe Koldbro noch zum Pflichtprogramm?
Joakim: (lacht) Woher wisst ihr das denn? Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich das letzte Mal bei ihr im Salon war. Ich glaube, sie ist inzwischen im Ruhestand. Aber sie war ein Teil meiner Kindheit. Ihren Enkeln habe ich vor einer Weile mal Trikots und Autogrammkarten geschickt. Es ist schön, auf diese Weise noch mit der Heimat verbunden zu sein.
Was bedeutet es dir, Kinder in Ostervra mit deinem Trikot zu sehen?
Joakim: Sehr viel. In Ostervra leben ungefähr 1.000 Menschen. Dass aus so einem kleinen Ort ein dänischer Nationalspieler kommt, ist alles andere als selbstverständlich. Deshalb bin ich sehr stolz auf meine Herkunft. Gerade die Kinder nennen mich inzwischen oft einfach „Maehle“. Das fühlt sich manchmal noch etwas ungewohnt an, weil ich mich dort selbst immer noch als Joakim sehe – als den Jungen, der auf genau diesen Plätzen mit dem Fußballspielen angefangen hat.
Sind mittlerweile auch VfL-Trikots dabei?
Joakim: Auf jeden Fall. Meine Familie ist da ganz vorne mit dabei und macht weltweit Werbung. Mein Onkel war zuletzt in Thailand im Urlaub und dort mit meinen Trikots von Atalanta Bergamo und Wolfsburg unterwegs.
Dein Vater Ole war in Ostervra dein Jugendtrainer. Welche Rolle hat der Fußball in eurer Familie gespielt?
Joakim: Eine sehr große. Mein Vater hat mich ungefähr im Alter von acht bis zwölf Jahren trainiert, gemeinsam mit dem Vater meines besten Freundes. Für uns war das perfekt. Mein älterer Bruder hat Fußball gespielt, mein jüngerer Bruder auch. Wir haben wahrscheinlich mehr Zeit auf der Sportanlage verbracht als zu Hause. Wir sind einfach eine große Fußballfamilie. Dass unsere Eltern immer dabei waren und uns unterstützt haben, war sehr wertvoll.
Stimmt es, dass dein Vater dich zeitweise sogar ins Tor gestellt hat?
Joakim: (lacht) Ja. Wir haben als Kinder Fünf-gegen-fünf gespielt, und ich habe die anderen immer ausgedribbelt. Beim Vorbeilaufen habe ich dann auch noch „Tschüss“ oder „Auf Wiedersehen“ zu den anderen Kindern gesagt. Das fanden ihre Eltern nicht ganz so lustig. Also hat mein Vater gesagt: „Jetzt gehst du ins Tor.“ Ich habe die Handschuhe und das Torwarttrikot angezogen – und einfach wieder angefangen zu dribbeln (lacht). Nur eben als Torhüter.
Auf welcher Position hast du in der Jugend – wenn du nicht gerade im Tor „standest“ – sonst gespielt?
Joakim: Als ich mit zwölf Jahren nach Aalborg kam, war ich noch Stürmer. Im Nachwuchsleistungsbereich waren viele Kinder körperlich schon weiter als ich. Irgendwann war ich nicht mehr die erste Wahl und habe deutlich weniger gespielt. Das war eine schwierige Zeit, aber genau da hat sich auch meine Mentalität entwickelt. Andere Eltern und sogar meine eigenen haben sich damals gefragt, ob es noch sinnvoll ist, so viel Zeit zu investieren und weiter in Aalborg zu trainieren. Meine Eltern haben mir angeboten, mit dem Trainer zu sprechen. Aber ich habe immer gesagt: „Lass mich das selbst regeln. Wir werden sehen, was daraus wird.“
Und dann?
Joakim: Später bin ich zunächst auf den Flügel gerückt. In der U17 habe ich dann an die Bürotür meines Trainers geklopft und gefragt, ob ich es mal als Rechtsverteidiger versuchen kann. Er hat mich etwas verwundert angeschaut, aber wir haben es ausprobiert. Auf der Position habe ich mich dann weiterentwickelt, später auch in der U19 und schließlich bei den Profis des Klubs gespielt. Im Nachhinein war es also eine ganz gute Idee, an diese Tür zu klopfen (lacht).
Würden wir auch hier sitzen, wenn du noch Stürmer wärst?
Joakim: Nein (lacht). Dann würde ich wahrscheinlich mit meinem Bruder in Ostervra in irgendeiner Amateurliga spielen.
Von Ostervra wieder nach Wolfsburg: Am Samstag geht es in der Volkswagen Arena gegen Energie Cottbus. Was braucht es, um nach drei Auswärtssiegen in Folge endlich wieder einen Heimsieg zu feiern?
Joakim: Wir müssen bestätigen, was wir zuletzt gezeigt haben – und gleichzeitig noch mehr investieren. Wir haben viel Qualität in der Mannschaft, aber Qualität allein reicht nicht. Wir müssen körperlich und mental voll da sein, Energie auf den Platz bringen und die richtige Einstellung zeigen.