Akademie

„Alle sind die Extrameile gegangen“

Keine Geschenke und ein roter Faden: Akademie-Direktor Michael Gentner im Interview.

Mit dem 5:4-Erfolg im Elfmeterkrimi gegen den 1. FC Heidenheim und dem damit verbundenen Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals haben die U19-Jungwölfe am 14. Dezember für einen mehr als würdigen Abschluss einer ereignisreichen Hinrunde gesorgt. Zum Jahresausklang blickt Akademie-Direktor Michael Gentner, der kürzlich seinen Vertrag bis 2030 verlängert hat, im Interview auf die vergangenen Monate zurück, ordnet Entwicklungen ein und spricht darüber, wie Durchlässigkeit im Verein gelebt wird – und warum die Debüts von Jan Bürger und Pharell Hensel kein Geschenk waren.

Hinter der VfL-Akademie liegen insgesamt über 90 Pflichtspiele und unzählige Trainingseinheiten. Wie fasst du die vergangenen Monate zusammen?

Michael Gentner: Grundsätzlich sprechen wir über ein sehr, sehr erfolgreiches halbes Jahr. Die Saison 2025/2026 hatte bereits unglaublich viele Höhepunkte. Natürlich gibt es im Alltag immer auch Herausforderungen, aber wir sind mit allen Teams sehr gut gestartet, konnten intensive und gut strukturierte Trainingslager absolvieren und haben die Belastung so gesteuert, dass wir mit extrem wenigen Verletzungen durch die Vorrunde gekommen sind – das ist für die Ausbildung enorm wichtig. Je weniger ein Spieler verletzt ist, desto mehr kann er sich auf und neben dem Platz entwickeln. Da haben die Trainerteams einen richtig guten Job gemacht.

Du hast schon die vielen Höhepunkte angesprochen. Welche Momente sind dir besonders im Kopf geblieben?

Gentner: Natürlich sind es zunächst die Dinge, die nach außen die größte Strahlkraft haben. Dazu gehören die Bundesliga-Debüts von Jan Bürger und Pharell Hensel – darauf sind wir unglaublich stolz. Genauso freuen wir uns aber auch über Kader-Nominierungen, etwa von Till Neininger, Trevor Benedict oder Bruno Katz. Was mich ebenfalls sehr freut, ist, dass sich die Verbindung zur Lizenzspielermannschaft im vergangenen halben Jahr noch einmal deutlich intensiviert hat. Das betrifft nicht nur die Durchlässigkeit, sondern auch die Kommunikation innerhalb des Vereins. Wir folgen beim VfL einer klaren und ganzheitlichen Philosophie.

Wie erlebst du aktuell die Zusammenarbeit mit den Profis?

Gentner: Die Zusammenarbeit mit dem Trainerteam um Paul Simonis war bereits sehr intensiv und auf einem hohen Niveau. Wir hatten unglaublich viele Trainingsslots für unsere Jugendspieler – das ist für die individuelle Entwicklung enorm wichtig. In den vergangenen Monaten hat sich diese Zusammenarbeit sogar noch weiter verbessert. Ein Grund dafür ist sicher, dass Daniel Bauer, Julian Klamt und Tobias Holm unsere Spieler seit Jahren kennen und ein sehr gutes Gefühl für sie haben. Sie einzusetzen, erfordert Mut und auch das passende Momentum. Am Ende gilt in der Bundesliga aber immer das absolute Leistungsprinzip. Spieler wie Jan Bürger und Pharell Hensel haben sich diese Meilensteine erarbeitet. Ihre Bundesliga-Debüts waren kein Geschenk.

Das sind die Gründe, warum wir hier jeden Tag mit voller Energie arbeiten. Es sind Momente, über die sich wirklich alle Mitarbeitenden freuen. Deshalb haben wir ihre Debüts intern auch ganz bewusst gefeiert und gewürdigt.
Michael Gentner

Was bedeuten diese Momente für die tägliche Arbeit in der Akademie?

Gentner: Das sind die Gründe, warum wir hier jeden Tag mit voller Energie arbeiten. Es sind Momente, über die sich wirklich alle Mitarbeitenden freuen. Deshalb haben wir ihre Debüts intern auch ganz bewusst gefeiert und gewürdigt. Jan und Pharell wurden kürzlich in der Akademie gemeinsam mit allen Mitarbeitenden geehrt – mit dabei waren auch Peter Christiansen, Pirmin Schwegler und das komplette Trainerteam der Profis. Genau solche Erlebnisse geben einem die Freude und die Motivation, diesen Aufwand Tag für Tag zu investieren.

Mit Daniel Bauer, Julian Klamt und Tobias Holm ist ein komplettes Trainerteam aus der Akademie zu den Profis aufgestiegen. Welche Auswirkungen hat dieser Schritt für die Akademie?

Gentner: Das ist zunächst eine große Wertschätzung durch die Lizenzspielermannschaft und eine klare Bestätigung unserer inhaltlichen Arbeit. Es zeigt Mut und Vertrauen in die Akademie – und dass der rote Faden im Verein vorhanden ist und gelebt wird. Dafür sind wir sehr dankbar. Gleichzeitig unterstreicht es die individuelle Qualität von Daniel, Julian und Tobias. Unser Anspruch ist es nicht nur, Spieler auf höchstem Niveau auszubilden, sondern auch Mitarbeitende. Diese Entwicklung bringt jedoch auch strukturelle Herausforderungen mit sich, weil wir nun drei sehr wichtige Trainer weniger in der Akademie haben. Entsprechend müssen wir uns Gedanken machen, wie wir diesen Verlust intern auffangen und uns gegebenenfalls auch extern gezielt verstärken.

Bis zum Jahresende haben Niklas Bräuer (U19) und Jan Neuwirt (U17) interimsweise die beiden betroffenen Teams übernommen. Wie haben sie diese besondere Phase aus deiner Sicht gemeistert?

Gentner: Mit enormem Engagement. Als die Entscheidung im November gefallen ist, haben wir die Köpfe zusammengesteckt und sehr schnell entschieden, dass wir diese Situation so lösen wollen. Allen war klar, dass bis Weihnachten jeder noch einmal ein paar Prozent mehr investieren muss. Und heute kann ich sagen: Chapeau. Hut ab vor der gesamten Belegschaft. Alle sind diese Extrameile mitgegangen, alle Ziele wurden erreicht. Das macht mich als Direktor extrem stolz.

Sportlich lief es für die Akademie-Teams sehr gut: Die U19 steht erneut im Halbfinale des DFB-Pokals, hat in der Vorrunde nur eine Niederlage kassiert und die U17 ist Gruppensieger in der DFB-Nachwuchsliga. Gibt es als Akademie-Direktor überhaupt den Moment, in dem man wirklich zufrieden ist?

Gentner: Fußball ist Tagesgeschäft. Und wir sind nicht nur für eine Mannschaft verantwortlich, sondern für sehr viele – vom Kinderbereich über die Talentteams bis hin zur U19. Ergebnisse sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Trotzdem kann man, wenn man auf den Zeitraum vom 1. Juli bis Weihnachten blickt, mit einer gewissen Zufriedenheit zurückschauen. Gerade dann, wenn man sich die vielen guten Momente noch einmal bewusst vor Augen führt.

Wie haben die jüngeren Jahrgänge in der ersten Saisonhälfte abgeschnitten?

Gentner: Die U16 ist Tabellenführer mit einem sehr großen Vorsprung. Die U15 ist Zweiter, nur einen Punkt hinter Hannover 96, die wir zu Hause deutlich schlagen konnten. Die U14 ist souverän Gruppenerster geworden und hat vor Weihnachten bereits ein Hallenturnier gewonnen. Auch die U12- und U13-Mannschaften haben sehr starke Turniere gespielt. Am Ende zählt für uns aber vor allem die tägliche Arbeit. Wenn die stimmt, stellen sich die Ergebnisse meist von selbst ein.

Du hast im Dezember 2024 gesagt, du siehst rund 120 Spiele pro Jahr live. Waren es 2025 wieder so viele?

Gentner: Ich würde sagen, es waren insgesamt sogar noch mehr Spiele als im Jahr davor. Allein durch zusätzliche Wettbewerbe wie den NFV-Pokal in mehreren Altersklassen oder die Aufstockung des DFB-Pokals der Junioren zur laufenden Saison sind noch einige Spiele dazugekommen…

Wie wichtig ist für dich nach so einer intensiven Phase die kurze Pause?

Gentner: Weihnachten ist tatsächlich die einzige Zeit im Jahr, in der der Fußball in Deutschland ein bisschen stillsteht. Entsprechend gut hat diese Pause auch getan. Wir haben mit der Familie noch gemeinsam das Heimspiel gegen den SC Freiburg verfolgt und sind dann am 23. Dezember in den Süden gefahren. Dort haben wir mit meinen Brüdern und meiner Mutter ruhige, sehr besinnliche Weihnachtstage im Kreis der Familie verbracht.

Unser Anspruch ist es, dieses Niveau zu halten und uns in allen Bereichen weiterzuentwickeln, inhaltlich ebenso wie persönlich. Wir wollen weiterhin so ausbilden, dass unsere jungen Spieler echte Optionen für die Profimannschaft sind.
Michael Gentner

Mit Blick auf das kommende Jahr: Wie sieht die Zielsetzung der VfL-Akademie aus?

Gentner: Die Messlatte haben wir bewusst sehr hoch gelegt – und das ist auch gut so. Unser Anspruch ist es, dieses Niveau zu halten und uns in allen Bereichen weiterzuentwickeln, inhaltlich ebenso wie persönlich. Wir wollen weiterhin so ausbilden, dass unsere jungen Spieler echte Optionen für die Profimannschaft sind.

Und wie groß ist der Traum von einem Titel?

Gentner: Unser Hauptfokus bleibt die individuelle Ausbildung. Mit dem ganz klaren Ziel: Spieler für die Bundesliga auszubilden. Natürlich freut man sich über Titel, und wir haben in den vergangenen Jahren auch einige gefeiert. Trotzdem spreche ich nicht gerne von Titeln als Ziel. Wenn wir im DFB-Pokal eine Runde weiterkommen als in der vergangenen Saison, würden wir im Endspiel stehen. Das wäre ein besonderes Highlight. Entscheidend ist für mich aber der Weg dorthin und die Entwicklung der Spieler.