Männer

4277 Tage bis zur Wirklichkeit

VfL-Eigengewächs Jan Bürger erfüllt sich seinen Bundesliga-Traum – am Ort, wo alles begann.

Eine lange Zeit hat Jan Bürger auf diesen Moment hingearbeitet. Am vergangenen Wochenende erfüllte sich gegen Bayer Leverkusen der Bundesliga-Traum des VfL-Eigengewächses – ausgerechnet in der Volkswagen Arena. Dort, wo er als Kind zum ersten Mal davon zu träumen begann.

Rennauto statt Ronaldo

In VfL-Bettwäsche hat Jan Bürger nicht geschlafen, und auch die Wände seines Kinderzimmers waren nicht mit Wölfe-Legenden oder Fußballstars wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi tapeziert. Sein Bett war ein Rennauto – und doch war der VfL früh im Leben des gebürtigen Helmstedters präsent. „Ich habe Stadionhefte, Autogrammkarten und Trikots gesammelt, war immer auf der Jagd nach Unterschriften“, erinnert sich Bürger, der mit einer Schwester aufgewachsen ist.

Kult trotz Klatsche

Mit sechs Jahren, zwei Tage vor seinem siebten Geburtstag, war er zum ersten Mal mit seiner Familie in der Volkswagen Arena. Eine spontane Nummer, angestoßen durch eine Freundin seiner Mutter – und plötzlich saß der kleine Jan beim Heimspiel gegen den FC Bayern München mit VfL-Cap und Fanschal im Oberrang über der Wölfi-Kurve. Naldo traf früh aus kurzer Distanz zur Führung, am Ende gab’s eine deutliche 1:6-Niederlage gegen den amtierenden Meister. Das Ergebnis blieb Nebensache. Viel wichtiger war der Funke, der übersprang. „Mit diesem Spiel ist der Fankult in unserer Familie entstanden. Drei Jahre lang hatten mein Vater, mein Opa und ich eine Dauerkarte. Und wir waren sogar beim Champions-League-Heimspiel gegen Real Madrid und beim Pokalfinale in Berlin dabei“, erzählt Bürger. Der Traum war aber schon nach dem ersten Besuch klar. „Ich habe damals zu meinem Vater gesagt: Irgendwann will ich da unten stehen.“

„Noch vier Läufe…“

Gesagt, getan. 4277 Tage nach der besagten Partie feierte der Rechtsverteidiger am vergangenen Wochenende sein Bundesliga-Debüt für den VfL, seinen Jugendverein. Schon zum Ende der vergangenen Saison hatte Bürger erstmals im Profikader gestanden, in Bremen folgte die nächste Berufung – gegen Bayer Leverkusen nun der erste Einsatz. Die Momente vor seiner Einwechslung in der 84. Minute haben sich eingebrannt. „Unser Athletiktrainer Thijs Tummers meinte beim Aufwärmen plötzlich: Noch vier Läufe, dann kommst du rein“, erzählt Bürger. „Ab diesem Moment habe ich gar nicht mehr nachgedacht, ich hatte einfach nur noch ein Grinsen im Gesicht.“

Die Kurve im Blick

An der Seitenlinie richtete Bürger noch zwei Worte an Cheftrainer Daniel Bauer: „Danke, Coach.“ Die Antwort kam sofort – und passte zu dem Vertrauen, das ihn bis zu diesem Punkt begleitet hatte. „Du hast dir das verdient. Spiel wie immer, mach viele Tiefenlaufwege, bring Tempo und Energie rein“, gab der Coach ihm mit auf den Weg. Vor den Augen seiner Familie und Freunde, die unweit jener Plätze saßen, auf denen er als Kind mitgefiebert hatte, verwirklichte Bürger seinen Traum von der Bundesliga. Wirklich real wurde es für ihn in einer der ersten Unterbrechungen des Spiels. „Da hat es Klick gemacht: Du spielst jetzt Bundesliga.“ Sein Blick wanderte immer wieder hinauf zur Kurve, in der alles begonnen hatte. „Und bald könnte es sein, dass kleine Kinder vielleicht sogar meinetwegen im Stadion sind. Das ist schon verrückt.“

Die haben vor Freude ins Telefon geschrien – als hätten sie gerade selbst debütiert.
Jan Bürger

Freudenschrei und Nachrichtenflut

Nach Abpfiff ging es kurz in die Kabine, danach wieder raus zu Freunden, Freundin und Familie. „Zu sehen, wie sie sich gefreut haben und wie stolz sie sind, war ein sehr schöner Moment“, sagt Bürger. Und auch das Telefonat mit seinen Kumpels blieb hängen: „Die haben vor Freude ins Telefon geschrien – als hätten sie gerade selbst debütiert.“ Die ganz große Euphorie blieb wegen des Ergebnisses zwar ein wenig gedämpft, trotzdem war es für ihn ein Tag, den er so schnell nicht vergisst. Sein Handy explodierte förmlich. „Ich war erstaunt, wie viele Leute, die ich teilweise schon ewig nicht gesehen habe, an mich denken und sich für mich freuen.“

Der Weg zum Jungwolf

Angefangen hat seine Reise mit fünf Jahren beim TSV Helmstedt, nur wenige hundert Meter vom Elternhaus entfernt. Der Weg zum VfL begann nicht mit dem Anruf eines Scouts, sondern mit einer klaren Bitte. „Mama, Papa, ich möchte zum VfL wechseln“, erinnert sich Bürger. Es folgten Formular, Probetraining, Zusage – und ab der U11 trug er das Trikot der Jungwölfe.

In den ersten Jahren fuhren ihn seine Eltern noch viermal pro Woche nach Wolfsburg, mit 15 zog Bürger schließlich in die Akademie. Keine 45 Minuten von zuhause weg, und doch war plötzlich alles neu: Schule, Abläufe, Team. „Ich bin von der U15 direkt in die U17 gekommen“, erzählt er und ergänzt mit einem Lachen: „Das war am Anfang schon kompliziert, aber nach einer Zeit habe ich es zu schätzen gelernt. Ich konnte mir nach dem Training so viel Zeit lassen, wie ich wollte, ohne dass meine Mutter draußen warten musste.“ Seit dem Sommer wohnt Bürger in einer kleinen Dachgeschosswohnung in Wolfsburg – und fühlt sich hier längst zuhause.

„Ey, du kannst das“

Dass sein Debüt ausgerechnet unter Daniel Bauer fiel, dem Trainer, der ihn in der Akademie über Jahre begleitet hatte, ist kein Zufall, sondern der logische nächste Schritt. Bürger kennt Bauers Prinzipien – und genau das gab ihm in den vergangenen Wochen Sicherheit. Er wusste, was verlangt wird und wie der Coach spielen lassen möchte. Gleichzeitig hat sich ihre Beziehung verändert: In der U19 ist Bürger Leistungsträger und enger Ansprechpartner für Bauer, bei den Profis ist er der Youngster auf der Bank, der auf seinen Einsatz lauert.

„Natürlich reden wir weniger als früher“, sagt er, „aber er kommt auf mich zu, hilft mir, spricht mir gut zu und schenkt mir Vertrauen.“ Bauer habe ihn auf ein neues Level gehoben: zum einen läuferisch, indem er nicht nur schnell ist, sondern dieses Tempo immer wieder gehen kann. Zum anderen fußballerisch, weil er ihn ständig ermutigt habe, ins Eins-gegen-eins zu gehen und sich etwas zuzutrauen: „Ey, du kannst das, mach es doch.“

Kein vorgezeichneter Weg

Fußball hatte in der Familie Bürger zuvor keine Tradition. Sein Vater war Rennradsportler, hat gut und gerne mal 100-Kilometer-Touren zurückgelegt – Berührungspunkte mit irgendeinem Ball gab es kaum. Jan hat sich seinen Weg selbst gesucht und nun den ersten Schritt auf der großen Bühne gemacht.

„Ich wollte zeigen, dass ich bereit für die Bundesliga bin“, sagt Bürger. „Ich hoffe, dass ich im restlichen Verlauf der Saison noch ein paar Einsätze bekomme.“ Was als Nächstes kommt, weiß er selbst noch nicht. Aber wie er es sagt, klingt mehr nach Vorfreude als nach Druck. Denn eins ist für ihn klar: „Fußball macht mir einfach Spaß. Ich habe Bock zu spielen.“