In der Spielzeit 1994/1995 kündigten die Grün-Weißen schon einmal große Taten an

Seit 15 Jahren ist der VfL ohne Unterbrechung in der Bundesliga dabei, und längst haben sich die Wölfe im Oberhaus fest etabliert. Blickt man auf die Anfänge dieser Erfolgsgeschichte zurück, dann landet man bei einem bedeutenden Ereignis, das sich in diesem Sommer zum 20. Mal jährt: Genau zwei Dekaden ist es her, dass der VfL Wolfsburg nach langen Jahren in der Drittklassigkeit wieder an die Oberfläche kam. Beginnend mit dem Zweitligaaufstieg 1992 soll die erstaunliche Entwicklung der Grün-Weißen deshalb an dieser Stelle noch einmal nacherzählt werden. 20 Jahre Wolfsburger Profifußball – Heute: Teil III – Als Deutschland den VfL Wolfsburg richtig kennenlernte.   

Allen Widrigkeiten zum Trotz hatten die Grün-Weißen sich in der zweiten Liga gehalten – allein das glich schon einer Sensation. Die Entwicklung, die jetzt einsetzte, aber erstaunte erst recht: Schon eine Spielzeit später wurde der Vorjahresneuling plötzlich Fünfter. Als die Krautzun-Elf 1994/1995 dann wieder furios startete, wurde es langsam verdächtig: Konnte diese Mannschaft vielleicht sogar aufsteigen? Schon bald sah es sehr danach aus. In der Hinrunde spielte die Mannschaft um Siggi Reich, „Pelé“ Wollitz und Holger Ballwanz zeitweise wie aus einem Guss und wurde bis auf eine Ausnahme (0:1 gegen Rostock) kein Mal besiegt. Der Schlüssel war für Reich vor allem der Teamgeist. „Es war eine intakte Truppe mit einer großen Kameradschaft. Wir haben auch außerhalb viel zusammen gemacht. Ich denke, das hat einiges bewirkt“, so der Torjäger. Unter dem Strich stand zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte eine Zweitliga-Herbstmeisterschaft.

Rückschläge und Aufholjagd

Doch mit Wiederbeginn kam der berühmte Sand ins Getriebe. Unnötige Punkteteilungen und Niederlagen wechselten sich ab. Nach einem 0:6 bei Hansa Rostock war es für Eckhard Krautzun vorbei, Gerd Roggensack folgte ins Amt. Bis die Grün-Weißen das Tief überwunden hatten, verging jedoch wertvolle Zeit. Zu viel, um den Traum vom Aufstieg aufrechtzuerhalten. „Im Winter hatte es ein paar Neuverpflichtungen gegeben, die Unruhe in die Mannschaft brachten. Zudem hatten wir in der Rückrunde einige Verletzte, ich selbst bin damals sechs Wochen ausgefallen. Das alles war mit der Reserve und den Neuzugängen nicht aufzufangen“, so Reich. Anfang Mai bliesen die Wölfe noch einmal zur Aufholjagd, vier Siege aus den letzten sechs Spielen waren aber nicht mehr genug. Ganz im Gegenteil: Als die Saison punktgleich mit Aufsteiger Düsseldorf auf dem vierten Platz endete, wusste man erst recht nicht mehr, was von der Spielzeit zu halten war. Siggi Reich: „Ein Misserfolg war das aber auf keinen Fall, der vierte Platz war wirklich aller Ehren wert.“

In bester Erinnerung blieb das Jahr 1995 nicht zuletzt deshalb, weil die Grün-Weißen in einem anderen Wettbewerb richtig groß auftrumpfen konnten. Zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte marschierten sie bis ins Endspiel des DFB-Pokals. Der Weg dahin glich nicht gerade einem Spaziergang: Sämtliche Spiele von der ersten Runde bis zum Semifinale waren Auswärtspartien, gleich zwei Kontrahenten, nämlich Eintracht Frankfurt und der 1. FC Köln, spielten in Liga eins. Bei den Hessen gab es einen Sieg im Elfmeterschießen. Und in der Domstadt, in einem legendären Halbfinale, triumphierten die Wölfe sensationell mit 1:0. Zuständig für das goldene Tor war selbstverständlich Siggi Reich. „Die Frage ist ja immer, wie lange die unterklassige Mannschaft das Tempo mitgehen kann. Gegen Köln hatten wir das Glück, ein frühes Tor zu erzielen. Danach haben wir den Gegner gut in Schach gehalten und konnten so den Vorsprung über die Ziellinie bringen.“

Bundesweite Aufmerksamkeit

So ging es für den VfL also auf die ganz große Bühne. Berlin, 75.700 Zuschauer, Live-Übertragung, ganz Deutschland schaute den Grün-Weißen zu – es war ohne Frage das bisher größte Spiel der Vereinshistorie. „Eine einmalige Gelegenheit, einen deutschen Titel zu gewinnen. So etwas zu erleben, war einfach grandios“, so Reich. Mit der Gravur im Pokal sollte es dann zwar nichts werden, gegen Reichs Ex-Verein Mönchengladbach hatten die Wölfe angesichts einer klaren 0:3-Niederlage nichts zu bestellen. Auch so aber blieb die Saison ein Riesenerfolg. „Einen Platz im Mittelfeld hatten wir anvisiert, heraus kamen dann Rang vier und der Einzug ins Endspiel, unter dem Strich war das phänomenal. Für uns alle ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen“, so das Fazit von Siggi Reich, der anschließend mit den Grün-Weißen in seine letzte Saison ging.

Jene Spielzeit 1995/1996 brachte in Wolfsburg Ernüchterung. Diesmal wollten sie wirklich den Aufstieg, doch fanden die Grün-Weißen überhaupt nicht in die Spur, der erste Umbruch seit der Zweiligarückkehr machte der Mannschaft mehr als erwartet zu schaffen. Ebenso überraschend wie er vorher nach oben geschossen war, kämpfte der VfL plötzlich gegen den Abstieg, woraufhin auch die Ära Gerd Roggensack endete. Schon die Rückrunde unter Willi Reimann aber zeigte, welches Potenzial die Mannschaft um Neuzugänge wie Sead Kapetanovic, Michael Spies und vor allem Roy Präger besaß. Die letzten 14 Spiele gaben die Grün-Weißen nicht mehr verloren, konnten die Klasse am vorletzten Spieltag schließlich erhalten und deuteten gleichzeitig an, wohin die Reise gehen sollte: ohne Rückfahrticket in Liga eins.

Veröffentlicht am 20. Juni 2012.

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