„Wir hätten sie packen können“

Pioniere am Punkt: Als die Wölfe und Schalke Pokal-Geschichte schrieben.

Genau 28 Mal standen sich die Wölfe und die Knappen in der Bundesliga gegenüber, und zumindest in den letzten Jahren kamen die Grün-Weißen auf eine stolze Bilanz: Drei der jüngsten fünf Spiele hat der VfL gegen Schalke gewonnen. Das legendärste aller Duelle liegt allerdings fast 41 Jahre zurück. Zu Zeiten, als die Niedersachsen noch in der Regionalliga spielten und Schalke längst ein gestandener Bundesligist war, kam es in der Glückauf-Kampfbahn zu Gelsenkirchen zu einem Pokalspiel, das gleich in mehrerer Hinsicht Geschichte schrieb. Einer der Hauptprotagonisten stand damals bei den Wölfen im Tor. „Dieses Spiel war einer der Höhepunkte meiner Karriere“, erinnert sich Dieter Grünsch, der an diesem Tag zu einem heimlichen Helden wurde.

Die Spieler schütteln sich nach der Seitenwahl vor dem Pokalspiel 1970 zwischen Schalke 04 und dem VfL Wolfsburg die Hände.

Heißer Kandidat für die Bundesliga

Rückblick: Der VfL Wolfsburg im Jahre 1970, das war ein junges und aufstrebendes Team, das in der Regionalliga Nord unerwartet für Furore sorgte. In den Vorjahren hatten die Wölfe meist gegen den Abstieg gekämpft. Seit Imre Farkaszinski wieder zurück war, ging es aber gewaltig voran. Mit Talenten aus der Region sowie gestandenen Spielern, die anderswo nicht mehr geschätzt wurden, formte der Ungar binnen weniger Jahre ein Team, das zur neuen Dekade laut ans Tor zur höchsten Spielklasse klopfte. „Wir waren eine Bombentruppe und hätten auf jeden Fall das Zeug für die Bundesliga gehabt. Leider sind wir in der Aufstiegsrunde aber gescheitert“, sagt Grünsch, der vor allem einem Auswärtsspiel in Offenbach aus dieser Finalrunde nachtrauert. „Hätten wir da nicht einen Elfmeter verschossen, dann hätten wir es womöglich gepackt.“

Rückhalt einer Betonverteidigung

Grünsch war zu dieser Zeit bereits eine Wolfsburger Institution. Im Alter von 23 Jahren war er 1967 zum VfL gekommen. Lehrte 06, TuS Celle und VfV Hildesheim hießen seine vorherigen Stationen. Als Torwart galt Grünsch, Spitzname „Langer“, schon länger als großes Talent, war unter anderem auch bei Hannover 96 und beim HSV im Gespräch. Die besten Argumente aber hatte Farkaszinski. „Farka hatte mich vorher schon zum 1. FC holen wollen, den er zwischenzeitlich trainierte. Als er dann zum VfL zurückkam, bin ich Teil des Neuaufbaus geworden. Und ich bin immer noch froh, dass er mich damals geholt hat.“ Im Team der Wölfe bekleidete Grünsch nicht nur eine entscheidende Position, er wurde auch eine Schlüsselfigur in der Spielidee des Trainers. Denn Farkaszinski legte Wert auf die Null. „Er hat immer hinten dichtmachen lassen. Mit Toni Matz als Libero, Werner Wischniowsky als Vorstopper sowie Uwe Funke und Waldi Gust auf den Seiten hat das auch hervorragend funktioniert. Unser Konterfußball hat die ganze Liga das Fürchten gelehrt“, so Grünsch, der zwischen 1967 und 1974 um die 350 Spiele für die Grün-Weißen absolvierte.

Ein Mannschaftsfoto vom VfL Wolfsburg 1970/1971.

Entscheidung nach 240 Minuten

Dass der VfL ein sehr ungemütlicher Gegner sein konnte, das hatten inzwischen auch schon die Großen erfahren. So waren etwa die Münchener Löwen und auch der HSV in den vorangegangenen Jahren nur knapp einer Pokalblamage entgangen. Und nun, am 12. Dezember 1970, schaute der berühmte FC Schalke mit Stars wie Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann, Klaus Fischer und Reinhard Libuda vorbei. Der siebenfache Deutsche Meister war haushoch favorisiert. Die Wölfe aber wehrten sich tapfer. Und zwar nicht nur über 90, sondern gar über 240 Minuten. Den ersten Streich gab es am Elsterweg, wo der Goliath nach einer Viertelstunde schon wie der klare Sieger aussah. Durch Treffer von Ingo Eismann (78.) und Libero Matz (89.) aber erkämpften sich die Wölfe noch ein 2:2-Remis, das sie auch in der Verlängerung verteidigten. Das Reglement sah für diesen Fall ein Entscheidungsspiel vor.

Ritterschlag vom alten Burdenski

Einen Tag vor Heiligabend schlug auf gefrorenem und schneebedecktem Rasen nun die Stunde von Grünsch. Dieses Mal waren es die Grün-Weißen, die vorlegten und die prominenten Knappen mit einem frühen Treffer von abermals Eismann (7.) anstachelten. Die Antwort folgte prompt: Nur vier Minuten später glich Klaus Scheer für die Königsblauen aus und setzte damit einen Schlagabtausch in Gang, von dem man sich noch heute in Wolfsburg erzählt. „Wir haben mit Schalke Katz und Maus gespielt!“, sagte einmal Farkaszinski, während es nach Dieter Grünschs Erinnerung eher ein Spiel auf ein Tor gewesen ist – nämlich auf seins: „Einer nach dem anderen kam auf mich zugelaufen: Fischer, Scheer, Lütkebohmert und immer wieder Libuda. Wir waren unwahrscheinlich unter Beschuss.“ Ob nun ein Hin und Her oder doch eine Abwehrschlacht, in einem gab es schließlich keine zwei Meinungen, nämlich dass der VfL Wolfsburg an diesem Tag die Fachwelt verblüffte. Vor allem einer. „Nach dem Spiel kam Herbert Burdenski auf mich zu. Der war damals Trainer in Essen und nur im Stadion, weil sein Sohn mir gegenüber im Schalker Tor gestanden hat. Ich weiß noch, was er zu mir gesagt hat: ‚So ein Torwart müsste eigentlich in der Bundesliga spielen‘.“

Der ehemalige VfL Wolfsburg-Spieler Dieter Grünsch sitzt beim Interview auf einem Sofa.

Letzter Strafstoß überflüssig

Auch und vor allem dank Grünschs Paraden brachte der VfL auch dieses Remis über die Zeit. Und nun schrieben die Wölfe Geschichte. Erstmals in der Historie des Deutschen Vereinspokals nämlich sollte nun die Entscheidung am Strafstoßpunk fallen. Erst kurz zuvor hatte der DFB diese Regelung eingeführt, und niemand sonst als die Wölfe hatten die Ehre, sie als erste in die Tat umzusetzen. Das eigentliche Elfmeterschießen verlief nicht wirklich spannend. Dafür waren die Umstände sehr kurios. „Die Leute sind einfach auf den Platz gerannt und standen bei mir am Sechzehner rum“, erinnert sich Grünsch. „Ich konnte nur sehen, dass jemand anlief und schoss.“ Grünsch gab wahrlich sein Bestes, konnte zwei Elfmeter parieren, nämlich die von Heinz van Haaren und Hans-Jürgen Wittkamp. Da auf VfL-Seite aber nur Dieter Thun die Nerven behielt, hieß der Sieger am Ende Schalke 04. „Das war wirklich sehr schade, zumindest im Elfmeterschießen hätten wir sie an diesem Tag packen können. Aber aufgrund der Chancen war das Ergebnis durchaus verdient“, räumt der heute 67-Jährige ein. Das offizielle Ergebnis hieß schließlich 4:2 n.E. für S04, wobei der letzte Strafstoß von Manfred Pohlschmidt gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Wider besseres Wissen ließ Schiedsrichter Linn ihn trotzdem verwandeln.

Veröffentlicht in „Unter Wölfen“ am 11. September 2011.

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