Den Wolf im Namen ÔÇô Wolfsburgs Trainer┬şdenkmal Imre Farkaszinski

Man soll von mir keine Wunder erwarten.ÔÇť Mit diesem Satz stellte sich Imre Farkaszinski 1958 beim VfL als neuer ├ťbungsleiter vor und hielt sozusagen gleich Wort: Als Nachfolger von Walter Risse angetreten, sollte der damals 35-J├Ąhrige die W├Âlfe in der Oberliga Nord etablieren. Doch es ging schief. Nach f├╝nf Jahren ├ťberlebenskampf in der damals h├Âchsten deutschen Spielklasse stand am Ende der Abstieg, und in der neuen Saison sa├č der Ungar schon nicht mehr auf der Bank.

Was wie ein kurzes Gastspiel aussah, sollte dann jedoch zu einer Erfolgsgeschichte werden, wie sie bis heute beim VfL unerreicht ist. Denn Farkaszinski, der 1956 aus Ungarn geflohen war und seither als Lehrer in Wolfsburg arbeitete, kehrte zur├╝ck und pr├Ągte die W├Âlfe schlie├člich f├╝r mehr als eine ganze Dekade. Neun Spielzeiten hintereinander sa├č der radebrechende Ungar ab der Saison 1966/67 auf der Bank und machte aus den vormals mittelm├Ą├čigen W├Âlfen einen Spitzenklub der Regionalliga Nord. Sein F├╝hrungsstil war zwar autorit├Ąr, trotzdem aber auch umg├Ąnglich und fair. Manfred Mattes, der ab 1971 f├╝r f├╝nf Jahre unter Farkaszinski trainierte, erinnert sich: ÔÇ×Sie werden hier niemanden finden, der ihn nicht in guter Erinnerung hat. Ich war damals in der Mannschaft der J├╝ngste und hatte zu ihm ein besonderes Verh├Ąltnis. Ich w├╝rde auch sagen, er hat meine Zukunft gepr├Ągt, schlie├člich bin ich anschlie├čend ebenfalls Lehrer gewordenÔÇť, sagt Mattes, der au├čerdem selbst beim VfL die Trainerlaufbahn einschlagen sollte.

Nicht nur bei den Spielern, auch in der Stadt genoss ÔÇ×FarkaÔÇť, der zu seiner aktiven Zeit selbst  einst als gro├čes Fu├čballtalent galt, allerh├Âchsten Respekt. Erst recht, da er immer wieder anderen Klubs einen Korb gab. Eintracht Braunschweig etwa, damals immerhin Bundesligist, wollte den Ungarn unbedingt haben. Farkaszinski aber entschied sich ÔÇô wie so oft im Leben - f├╝r Wolfsburg. Seinen gr├Â├čten Erfolg mit den W├Âlfen errang er im WM-Jahr 1974, als er die Mannschaft in die neu gegr├╝ndete Zweite Bundesliga f├╝hrte. Umso ├╝berraschender kam es, als er am Ende des Jahres dann seinen Hut nahm. ÔÇ×Der Vorstand hatte zwei Spieler verpflichtet und wollte bestimmen, dass sie auch spielen. Farkaszinski hat sie dann eingesetzt und nach dem Spiel ÔÇô das wir ├╝brigens 2:10 verloren haben! ÔÇô sofort gek├╝ndigt. Da sieht man mal, wie konsequent er warÔÇť, sagt Mattes.

Das Kapitel VfL und Farkaszinski war damit allerdings lange noch nicht vorbei. Der Ungar blieb in Wolfsburg wohnen und arbeitete weiter als Lehrer. F├╝r eine Weile trainierte er die VfL-A-Jugend und ├╝bernahm in der Saison 1983/84 f├╝r kurze Zeit das erste Team sogar noch ein drittes Mal, um erst ├╝ber 20 Jahre sp├Ąter schlie├člich zur├╝ck in die Heimat zu gehen. Mit netto 13 Jahren auf der Cheftrainerbank ist er bis heute der VfL-Coach mit der mit Abstand l├Ąngsten Amtszeit. Und wenn man nach einer Begr├╝ndung sucht, warum er sich in Wolfsburg so wohl gef├╝hlt hat, dann findet man sie in seinem Namen. ÔÇ×FarkasÔÇť n├Ąmlich bedeutet ├╝bersetzt nichts anderes als ÔÇ×WolfÔÇť.

Anmerkung der Redaktion: Imre Farkaszinski ist am 10. Oktober 2015 im Alter von 91 Jahren verstorben.

  • Interview mit Imre Farkaszinski

    ÔÇ×Mein Herz ist in Wolfsburg gebliebenÔÇť

    Echte Trainer-Urgesteine hat der VfL schon manche besch├Ąftigt. Aber dieser Mann hat alle ├╝bertroffen: 1958 sa├č Imre Farkaszinski ein erstes Mal beim VfL auf der Bank und kehrte anschlie├čend noch drei weitere Male wieder zur├╝ck. Als er das Team 1984 an Wolf-R├╝diger Krause ├╝bergab, hatte er damit in nicht weniger als vier Jahrzehnten W├Âlfe-Geschichte Spuren hinterlassen. Bis heute ist der Ungar, der lange Jahre in Wolfsburg auch als Lehrer arbeitete, vielen Menschen in der Stadt ein Begriff. Grund genug, den inzwischen 87-J├Ąhrigen in seiner Heimat zu besuchen und mit ihm gemeinsam seine bewegte VfL-Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen.

    Seine Nummer herauszubekommen, ist einfacher als gedacht: Farkaszinski hat in Wolfsburg nach wie vor einen sehr guten Namen. Jeder, der ihn kannte und erlebt hat, bittet uns, ihn herzlich zu gr├╝├čen. Beim ersten Kontakt am Telefon sind wir sehr ├╝berrascht. Obwohl er lange nicht mehr Deutsch gesprochen hat, hat der Rentner sowohl die Sprache als auch sein Wolfsburger Leben sofort parat. Er freut sich riesig, aus seiner alten Heimat zu h├Âren und l├Ądt uns zu sich nach Budapest ein. Ein paar Wochen sp├Ąter reisen wir an und treffen auf einen bemerkenswert r├╝stigen Mann.

    Imre Farkaszinski, vielen Dank, dass Sie uns empfangen. Wie geht es Ihnen?

    Imre Farkaszinski: Danke, so weit, so gut. Der K├Ârper will zwar nicht mehr so recht, aber mit dem Kopf habe ich keine Probleme. Bitte setzen Sie sich. Was kann ich f├╝r Sie tun?

    In erster Linie sind wir gekommen, um alte VfL-Geschichte neu zu entdecken. Zu erz├Ąhlen aber hat Farkaszinski weit mehr. In aller Ausf├╝hrlichkeit berichtet er aus seiner Kindheit in S├╝dostungarn, von seinem Sport-Studium und seinen ersten Jahren im Lehrer-Beruf. Davon, wie er fr├╝h als Fu├čballtalent entdeckt wird und es bis zur Studenten-WM schafft, ehe der Kommunismus sein Leben ver├Ąndert. Als Teilnehmer des ungarischen Volksaufstands kehrt Farkaszinski 1956 seiner Heimat den R├╝cken. Eigentlich ist der Plan, m├Âglichst bald zur├╝ckkehren. Mit Kind und schwangerer Frau bleibt er deshalb in Europa, landet erst in ├ľsterreich, dann in Italien und entscheidet sich f├╝r Deutschland, weil dort die Lehrerausbildung seiner sehr ├Ąhnlich ist. Wie er schlie├člich Wolfsburg erreicht, daran erinnert er sich wie an alles andere noch beeindruckend genauÔÇŽ

    Farkaszinski: ÔÇŽ und am 28. Juni 1958 kamen wir dann am Wolfsburger Hauptbahnhof an. Begr├╝├čt wurden wir von unserem Landmann Istvan Szondy, der ebenfalls am Ratsgymnasium arbeitete. ├ťber ihn fanden wir gleich eine Wohnung. Und er war es auch, der mich dem damaligen VfL-Trainer Walter Risse vorstellte. Als dessen Konditionstrainer sollte ich zun├Ąchst alles kennenlernen und ihn danach als erster Trainer beerben.

    Was f├╝r eine Mannschaft war das, die Sie 1958 vorgefunden haben?

    Fakaszinski: Eine richtige Mannschaft war es eigentlich nicht, sondern nur ein Teil davon. Der Kader bestand aus 13 Mann, von denen Willi Giesemann bald seinen Milit├Ąrdienst antrat. Blieben also noch zw├Âlf, darunter zwei Torh├╝ter. Ohne Amateure kamen wir nicht aus, und die hatten bei weitem nicht das n├Âtige Niveau. Der Abstieg war also vorprogrammiert.

    In der Niedersachsenliga sollten Sie einen Neuaufbau starten. Allerdings waren Sie ein Jahr sp├Ąter dann nicht mehr im Amt. Warum?

    Farkaszinski: Das war keine sportliche, sondern eine pers├Ânliche Entscheidung. Es gab damals einen sogenannten Spielausschuss, der immer am Freitag nach dem Abschlusstraining tagte und es als seine Aufgabe ansah, in meine Aufstellung zu reden. Das konnte ich nicht ertragen. Und da mein Vertrag ohnehin auslief, habe ich den VfL dann verlassen.

    Kurioserweise wechselten Sie innerhalb der Stadt und wurden bald Trainer am Porschestadion: beim 1. FC.

    Farkaszinski: Ja, das war eine sehr interessante Zeit. Die Clubs waren gro├če Rivalen, wobei der wesentlich kleinere FC auf Augenh├Âhe kommen wollte. Das hat in meiner Amtszeit auch ganz gut funktioniert. Wir stiegen gleich um zwei Klassen auf und kamen den W├Âlfen in die Niedersachsenliga nach. Im direkten Duell im VfL-Stadion haben wir sogar 2:0 gesiegt. Sp├Ątestens da hat die VfL-F├╝hrung meine Arbeit wohl wieder gesch├Ątzt und mich nach vier sehr sch├Ânen Jahren beim FC zur├╝ckgeholt. Meines Erachtens hatte ich dort das Optimale erreicht. Deswegen habe ich das auch sehr gern gemacht.

    Diesmal blieben Sie l├Ąnger, n├Ąmlich achteinhalb Jahre am St├╝ck. Warum lief es dieses Mal besser?

    Farkaszinski: Aus verschiedenen Gr├╝nden. Der Vorstand war nun ein v├Âllig anderer, und sportlich ging es gewaltig voran. Wir wurden gleich unerwartet Vierter, waren also kein Abstiegskandidat mehr. Die Anziehungskraft auf gute Spieler in der Region wuchs dadurch enorm. Ich denke zum Beispiel an Fredi Rotermund, der aus Peine zu uns kam, ein fabelhafter Linksau├čen. Toni Matz, unser Ausputzer, der leider viel zu fr├╝h verstorben ist, dann Ernst Saalfrank als linker Verteidiger. Oder W├Âlfi Krause nat├╝rlich, ein hervorragender Fu├čballer, einer der besten in meiner gesamten Zeit. Mit dieser Mannschaft habe ich dann das 4-2-4 eingef├╝hrt. Das war in der ganzen Liga neu und wurde bald von fast s├Ąmtlichen Klubs ├╝bernommen. Auf diese Weise wuchsen wir zu einer Spitzenmannschaft in Norddeutschland heran.

    Zum ganz gro├čen Wurf hat es leider nicht gereicht. Erz├Ąhlen Sie uns von der Aufstiegsrunde 1970.

    Farkaszinski: Das geh├Ârte zu den absoluten Highlights. Wir hatten uns mit einem Sieg bei Concordia Hamburg qualifiziert, seitdem war die ganze Stadt in einem Rausch. In einer Gruppe mit Offenbach, Pirmasens, Bochum und Hertha Zehlendorf haben wir uns dann ganz gut verkauft, in den direkten Duellen mit Bochum aber sind wir gescheitert. Das war unheimlich schade, die ganze Region war im Bundesligafieber zu dieser Zeit, zumal Braunschweig ja 1967 Meister geworden war.

    War der VfL denn reif f├╝r die Bundesliga?

    Farkaszinski: Absolut, zu dieser Zeit zwischen 1969 und 1971 waren wir unheimlich stark! Ein st├Ąndiger Wettbewerb mit der Eintracht h├Ątte sich da sehr positiv ausgewirkt, wobei wir meines Erachtens im direkten Vergleich sogar st├Ąrker gewesen sind. Allein unser Sturm mit Manni Wichmann, W├Âlfi Krause und Wilfried Kemmer in der Mitte war der beste in ganz Norddeutschland. Aber auch unsere Spielweise, die Ballpassagen und der Aufbau vom Mittelfeld zum Sturm ÔÇô die Leute mochten unseren Fu├čball einfach viel lieber als den von Braunschweig oder Hannover. Ich w├╝rde sogar sagen, dass wir attraktiver gespielt haben als der HSV. Und der war damals wirklich das Nonplusultra.

    Im selben Jahr gab es ein legend├Ąres Pokalspiel gegen Schalke. Wie war das?

    Farkaszinski: Etwas Besonderes war es schon deshalb, weil es zum ersten Mal zu einem Elfmeterschie├čen kam. Das war gerade erst eingef├╝hrt worden. Und das Spiel selbst war einfach unglaublich. Obwohl wir der kleine Zweitligist waren, haben wir Schalke an die Wand gespielt. Von der ersten Minute an! Das ganze Publikum hat f├╝r uns gebr├╝llt, so sehr haben wir mit denen Katz und Maus gespielt. Ein Jammer, dass wir noch verloren haben. Trotzdem w├╝rde ich sagen, dass dieses Spiel wohl das beste gewesen ist, das der VfL Wolfsburg jemals unter meiner Leitung gezeigt hat.

    Bis 1974 bleibt der Ungar ein Wolf und f├╝hrt den VfL in die neue zweite Liga. Nach nur einem Jahr geht es wieder runter, allerdings ohne Farkaszinski, der Trainerjob und Lehrerberuf nicht mehr unter einen Hut bringen kann. Wieder geht er den Gr├╝n-Wei├čen fremd und ├╝bernimmt die unterklassige Union Salzgitter, pendelt so drei Jahre lang hin und her. Erneut aber kann er von den W├Âlfen nicht lassen: Noch zwei weitere Male, 1978 sowie 1983 als Feuerwehrmann, kehrt er als Cheftrainer auf die VfL-Bank zur├╝ck und k├╝mmert sich zwischendurch um die Nachwuchsarbeit. Vier Dekaden also bei den Gr├╝n-Wei├čen, in denen er die Mannschaft pr├Ągt wie niemand sonst.

    Sie galten als relativ strenger Trainer. Worauf haben Sie Wert gelegt?

    Farkaszinski: Zuallererst auf Disziplin. Mein Credo war immer: Ein Trainer steht wie vor einer Armee. Wenn es zwei Befehlshaber gibt, dann ist die Mannschaft geteilt. Das Team muss eine Einheit sein, und jeder einzelne muss der gemeinsamen Sache folgen. Wenn ich gemerkt habe, dass jemand dazu nicht in der Lage war, dann habe ich mich so schnell wie m├Âglich von ihm getrennt.

    Laut werden konnten Sie offenbar auch. Ihr ehemaliger Spieler Wilfried Reckel hat gesagt: ÔÇ×Wenn er gebr├╝llt hat, dann konnte man das noch auf der Porschestra├če h├Âren.ÔÇť

    Farkaszinski: (lacht) Naja, das ging aber auch nicht anders. Schlie├člich machte man die Arbeit so gut wie allein. Assistenten oder Torwarttrainer, so etwas gab es damals noch nicht. Man war v├Âllig auf sich allein gestellt und musste die 115 mal 70 Meter, die ein Platz gro├č ist, entsprechend beherrschen. Eine gewisse Lautst├Ąrke braucht es da schon. Au├čerdem ist eine gewisse Autorit├Ąt unverzichtbar. Mit einer weichen Art findet man keinen Zugang und hat keinen Erfolg.

    Gab es Spieler, die damit Probleme hatten?

    Farkaszinski: Mit einigen war es sicherlich schwieriger. Wilfried Kemmer zum Beispiel war anfangs wenig kompromissbereit und ein richtiger Dickkopf. Ihn musste ich zuerst auf Linie bringen und von meiner Idee ├╝berzeugen. Als ich das geschafft hatte, war er aber f├╝r die Mannschaft ein ebenso wichtiger Faktor wie etwa W├Âlfi Krause, der so etwas wie mein verl├Ąngerter Arm gewesen ist.  

    Generell schw├Ąrmen Fu├čballer aus den 60ern und 70ern oft von der Kameradschaft. Wie war das beim VfL?

    Farkaszinski: Darauf wurde sehr geachtet. Zum Beispiel gab es nach jedem Heimspiel ein Essen gemeinsam mit den Frauen, das meist in einen geselligen Abend mit Musik und Tanz m├╝ndete. Au├čerdem sind wir zusammen zu Sch├╝tzenfesten gegangen und waren auch sonst au├čerhalb des Spielfelds viel unterwegs. Unser Vorsitzender Dr. Willi Wolf war da ein wichtiger Faktor. Er war die Seele des Vereins und hat den Zusammenhalt gewaltig gef├Ârdert. Hinzu kam, dass mit Ausnahme weniger Spieler alle im Werk gearbeitet haben. Alle hatten also den gleichen Lebensrhythmus und bekamen in etwa auch das gleiche Geld. So etwas macht schon viel aus.

    Welche Rolle hat Volkswagen dar├╝ber hinaus gespielt?

    Faskaszinski: Im Grunde genommen keine, denn Unterst├╝tzung gab es nur indirekt. Zum Beispiel bekam die Sozialabteilung der Stadt etwas Geld, wovon dann die Fu├čballpl├Ątze oder auch das Nachwuchsleistungszentrum bezahlt worden sind. Und wir konnten die neuen Spieler in verschiedenen Bereichen im Werk unterbringen. Das funktionierte aber nur, solange es Volkswagen gut ging. Anfang der 70er wurden auch schon mal Spieler entlassen. J├╝rgen Dudda, der aus Braunschweig zu uns kam, ist es so ergangen. Insgesamt war das Verh├Ąltnis zwischen VW und dem VfL damals wirklich sehr gut, das muss ich schon sagen. Allerdings h├Ątte ich mir gew├╝nscht, dass Volkswagen uns mehr als seine Mannschaft begreift und entsprechend unterst├╝tzt.

    Hatte der VfL trotzdem schon den Ruf einer Werkself?

    Farkaszinski: Ja, von au├čen waren die Beurteilungen sehr entt├Ąuschend. Die Leute dachten, bei uns l├Ąuft das Geld wie Sahne, dabei war das ├╝berhaupt nicht der Fall. In der Regionalliga Nord bekamen die Spieler 160 Mark brutto plus Pr├Ąmien. Wenn man da neben dem Beruf auf 300 Mark netto kam, dann war das schon viel. Und Handgelder zahlen, wie es allm├Ąhlich um sich griff, das konnten wir sowieso nicht. In Wolfsburg selbst war die Stimmung allerdings anders. Die Menschen liebten uns! Wenn wir durch die Stadt gegangen sind, dann kamen die Leute und wollten uns anfassen. Bei den gro├čen Spielen platzte das Stadion aus allen N├Ąhten, zum ersten Training der neuen Saison kamen schon mal 1.500 Fans. Um auch die Region zu infizieren, h├Ątten wir sicherlich aufsteigen m├╝ssen. Aber in der Stadt war die Fu├čballbegeisterung unheimlich gro├č.

    Welche Spieler h├Ątten Sie damals gern als Verst├Ąrkung geholt?

    Farkaszinski: Oh, es gab einige, die uns sehr geholfen h├Ątten. Lothar Ulsa├č zum Beispiel wollte ich unbedingt haben, Gerhard Elfert genauso. Beides unwahrscheinlich gute Fu├čballer, die dann in Braunschweig gestandene Bundesligaspieler wurden. Solche Beispiele k├Ânnte ich noch viele nennen.

    Gab es auch Spieler beim VfL, die es weiter h├Ątten bringen k├Ânnen?

    Farkaszinski: Mehrere. H├Ątte Fredi Rotermund sich zum Beispiel nicht so h├Ąufig verletzt, h├Ątte er sicher weiter oben gespielt. Ebenso Dieter Gr├╝nsch, unser Torwart. Der war meines Erachtens besser als sein Braunschweiger Kollege, der dann Nationalspieler wurde. Und ich denke an den Rechtsau├čen Manni Wichmann, der ist die 100 Meter unter elf Sekunden gelaufen. Wenn man ihn mit einem Steilpass geschickt hat, dann hat sein Gegenspieler nur den R├╝cken gesehen.

    Was ist mit Ihnen? H├Ątten Sie selbst es in die Bundesliga schaffen k├Ânnen?

    Farkaszinski: Zweimal hatte ich die Chance. Das erste Mal zu Beginn meiner zweiten Amtszeit 1966. G├╝nther Brocker war bei Werder Bremen entlassen worden, und ich sollte sein Nachfolger werden. Der zweite Club war Eintracht Braunschweig, der mich nicht nur einmal, sondern st├Ąndig haben wollte. Abgesagt habe ich jeweils aus den gleichen zwei Gr├╝nden: Erstens war ich Lehrer aus Leidenschaft und wollte auf keinen Fall davon lassen. Hauptberuflich Trainer zu sein, das kam nicht in Frage, beides war mir gleicherma├čen wichtig. Zweitens habe ich die Stadt Wolfsburg einfach von Herzen geliebt. Hier habe ich nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt, bin ins Schwimmbad gegangen, in die Sauna, zum Sch├╝tzenfest und um den Schillerteich. Warum h├Ątte ich das alles aufgeben sollen? Ich war ein Wolfsburger und bin es in meinem Herzen noch immer. Es fehlt mir heute sehr, in der Porschestra├če zu spazieren und meine vielen Freunde im Vereinsheim zu treffen. Diese Zeit war f├╝r mich so intensiv, dass ich noch regelm├Ą├čig davon tr├Ąume.

    Bis 1985 bleibt Imre Farkaszinski noch im Verein, dann h├Ârt er endg├╝ltig auf. Ein Jahr sp├Ąter ÔÇô im Alter von 63 Jahren ÔÇô verl├Ąsst er auch das Ratsgymnasium und geht in den Ruhestand. Als bald darauf die Mauer f├Ąllt und der Ostblock kollabiert, beginnt der Kreis sich zu schlie├čen: Gute 30 Jahre sp├Ąter als urspr├╝nglich geplant geht Farkaszinski zur├╝ck in die Heimat. In zweiter Ehe lebt er heute wechselweise am Plattensee und in seiner Dreizimmer-Eigentumswohnung im ├Ąu├čeren Zentrum von Budapest. Mit dem ungarischen Fu├čball hatte er nie etwas am Hut. Statt dessen sitzt er jeden Samstag in seinem Sessel und verfolgt mit der gleichen Hingabe wie fr├╝her die Spiele des VfL. Allein deshalb muss eine Frage zum Schluss nat├╝rlich unbedingt sein.

    Als der VfL Wolfsburg 2009 Deutscher Meister wurde: Was hat das mit Ihnen gemacht?

    Farkaszinski: Ganz ehrlich: Ich habe beinahe geweint. Wie diese Mannschaft die Liga dominiert hat und welche Begeisterung von ihr ausgegangen ist, das ging mir unheimlich nahe. Ein paar Spieler haben mir sehr imponiert, der Lenker Misimovic zum Beispiel oder Grafite, der damals in einer unglaublichen Form gewesen ist. Aber auch der Italiener in der Abwehr oder der Linksverteidiger. In dieser Mannschaft waren gro├če Pers├Ânlichkeiten. Und als ich diese Saison verfolgt habe, da waren all meine Gef├╝hle zum VfL Wolfsburg, zu meiner Wohnung am Steimker Berg und zu meinem Leben in der Stadt, sofort wieder da. 30 Jahre in einem Verein, das streift man eben nicht einfach ab. Vielleicht ist es bl├Âd, was ich jetzt sage, aber Sie sind so nett zu mir gewesen, und unser Gespr├Ąch hat eine so lockere Atmosph├Ąre bekommen. Deshalb sage ich es frei heraus: Ein bisschen kam es mir vor, als wenn in diesem Titel auch etwas von meiner Arbeit steckt. Weit zur├╝ckliegend zwar, aber ein ganz kleiner Teil vielleicht schon.